Wer ist eigentlich GERD?

Eine Prinzipskizze des „Magenschrittmachers“.   Foto: EndoStim BV

…und was hat er mit Sodbrennen zu tun?

Wohl jeder Mensch hat schon mindestens einmal im Leben unter Sodbrennen gelitten. Bei etwa zehn Prozent der Bevölkerung ist das Leiden chronisch. Dann nennt es sich GERD. Die Abkürzung steht für „gastroesophageal reflux disease“. Wie kommt es zu dieser Krankheit? Am Übergang von Speiseröhre zu Magen befindet sich ein Muskel, der wie eine Art Ventil funktioniert. Nach der Passage von Flüssigkeit oder Nahrung verschließt er sich. Ist dieser Schließmuskel (Sphinkter) geschwächt, fließt der saure Mageninhalt zurück und reizt die Speiseröhre. Die Folgen sind Sodbrennen, Aufstoßen, Schmerzen im Brustraum bis hin zu Asthma und chronischem Husten. Unbehandelt kann Reflux zu schweren dauerhaften Entzündungen führen, schlimmstenfalls droht eine Umwandlung der Schleimhautzellen in Krebsvorstufen. Betroffene werden dann in der Regel zuerst mit einem „Protonenpumpeninhibitor“ (PPI, zum Beispiel Pantoprazol, Omeprazol) behandelt – dieser hemmt die Produktion der Magensäure. Die PPI gehören weltweit zu den am meisten verschriebenen Medikamenten überhaupt. Mit ihrer Dauereinnahme können allerdings Nebenwirkungen verbunden sein: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel, Schlafstörungen und Hautveränderungen. Ungünstig bei diesen Substanzen ist eine häufige unerwünschte Wechselwirkung mit anderen Medikamenten. Insbesondere bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit kann die Wirkung von Koronar-Medikamenten abgeschwächt werden und die Gefahr eines Herzinfarktes ist dann erhöht. Auch werden zunehmen häufig Funktionsstörungen an den Nieren beschrieben. „Abgesehen von den PPI-Nebenwirkun- Wer ist eigentlich GERD? …und was hat er mit Sodbrennen zu tun? Dr. Ortwin Mann, Chefarzt für Gastroenterologie und Onkologie. Fotos: EKH Prof. Dr. med. Paweł Mroczkowski, Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie. gen haben Studien ergeben, dass rund 30 Prozent der GERD-Patienten trotzdem noch über Beschwerden klagen, wie Sodbrennen in Rückenlage oder unangenehmes Aufstoßen mit Rückfluss des Magenbreis in die Speiseröhre“, weiß Dr. med. Ortwin Mann, Chefarzt für Gastroenterologie am Elisabeth-Krankenhaus. Betroffene berichten ihm immer wieder, dass bei dem Versuch, diese Medikamente wegzulassen, die Refluxbeschwerden dann schlagartig an Heftigkeit zunehmen und deshalb als Folge oft eine Abhängigkeit von der Einnahme dieser PPI entsteht. „Menschen mit krankhaftem Reflux büßen erheblich an Lebensqualität ein, die Krankheit wirkt sich auch auf das Sozialleben aus – so wird eine einfache Essenseinladung schnell zum Problem“, berichtet der erfahrene Gastroenterologe und ergänzt: „Vor einer langfristigen und hochdosierten Einnahme der PPI muss dringend gewarnt werden.“

„Magenschrittmacher“ als Lösung

Für Patienten, denen nicht wirksam medikamentös geholfen werden kann, kommen operative Therapien in Frage. Hierbei arbeiten die Gastroenterologen und Chirurgen am Elisabeth-Krankenhaus eng zusammen. „Bereits seit den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden Refluxpatienten mit der Fundoplikatio-OP therapiert. Dabei wird der obere Teil des Magens um den Sphinkter herumgewickelt. Diese Manschette übt Druck aus und unterbindet den Reflux“, erklärt Prof. Dr. med. Paweł Mroczkowski, als Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Elisabeth- Krankenhaus zuständig für die Operative Therapie des Reflux. „Doch diese gut erforschte Methode birgt auch Nachteile, die sich aus dem massiven Eingriff in die Anatomie des Übergangs von Speiseröhre zu Magen ergeben: Probleme mit Magengasen, Schluckbeschwerden oder ein Lösen der Manschette unter Belastung“, berichtet der Chirurg und ergänzt: „Glücklicherweise gibt es inzwischen ein weit schonenderes Verfahren – die Therapie mit einem Magenschrittmacher.“

Das Gerät besteht aus einem rund 4 x 6 cm großen Stimulator, ähnlich einem Herzschrittmacher, und zwei damit verbundenen Elektroden. „Die Einpflanzung des Systems erfolgt minimal-invasiv über eine Bauchspiegelung. Wir bringen dabei die Elektroden zum unteren Ende der Speiseröhre und nähen sie dort ein. Parallel dazu nehmen wir eine Magenspiegelung vor, um den richtigen Sitz der Elektroden zu kontrollieren“, beschreibt Prof. Mroczkowski das Vorgehen. Anschließend wird der Stimulator mit den Elektroden verbunden und unter der Haut im Bauchraum platziert.

Dr. Ortwin Mann, Chefarzt für Gastroenterologie und Onkologie.   Fotos: EKH

„Den Stimulator können wir von außen so programmieren, dass er in bestimmten Abständen elektrische Impulse auslöst, die den Speiseröhrenmuskel stimulieren und so seine normale Funktion wieder herstellen. Der Reflux nimmt damit deutlich ab oder kommt sogar vollständig zum Erliegen“, verspricht der Viszeralchirurg. Der Patient ist kurz nach der Operation wieder fit. Das Implantat spürt er nicht. „Zwei große klinische Studien zeigen eine Erfolgsrate von deutlich über 90 Prozent“, unterstreicht Prof. Mroczkowski.

Prof. Dr. med. Paweł Mroczkowski,Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie.

Vorteile für den Patienten: Die natürlichen Ressourcen des Körpers werden mit diesem „Magenschrittmacher“ unterstützt, anders als bei herkömmlichen Verfahren wird ein tiefgreifender Eingriff in die Anatomie von Magen zu Speiseröhre vermieden und letztlich entfallen auch mögliche Nebenwirkungen einer langfristigen PPI-Einnahme. (nh)

Elisabeth-Krankenhaus Kassel
Weinbergstr. 7, 34117 Kassel
www.vinzenz-verbund.de/elisabeth-kassel

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