Kaum Angebote für Kurzzeitpflege

Eltern behinderter Kinder in Kassel fordern mehr Unterstützung

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Ein Teenager, der Sport liebt: Frederik Drews jongliert für Filmaufnahmen im Ambulanticum Herdecke mit einem Luftballon. Der 14-Jährige spielt leidenschaftlich gerne Fußball und Tischtennis. Foto:  privat/nh

Kassel. Eltern behinderter Kinder fühlen sich in Kassel und Umgebung alleingelassen. Sie wünschen sich mehr Angebote für Kurzzeitpflege, die es zurzeit kaum gibt.

Der Tag der Diagnose ändert für die Eltern eines behinderten Kindes alles und stellt sie vor riesige Herausforderungen: Wo finden sie die richtigen Therapeuten für ihr Kind? Wo Hilfe und Unterstützung? „An vielen Stellen haben wir uns allein gelassen gefühlt“, beschreibt Barbara Klemm-Röbig (63) ihre Erfahrungen seit der Geburt ihrer Tochter Nicola vor 24 Jahren. Ein Beispiel von vielen, wie auch die Tagung „Aufwachsen mit Behinderung in Nordhessen“, die die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen in diesem Jahr organisiert hatte, vor Augen führt.

Stephanie Drews

Nach der Geburt ihres Sohnes Frederik vor 14 Jahren, machte Stephanie Drews zunächst ganz andere Erfahrungen. Frederik, der noch im Mutterleib einen Schlaganfall erlitten hatte und unter anderem halbseitig gelähmt ist, wurde nach der Diagnose im Alter von neun Monaten sofort an ein Spezial-Zentrum überwiesen, wo ihn Neurologen und verschiedene Therapeuten interdisziplinär betreuten und auch die Eltern unterstützten. Das war in Frankreich, wo die Familie damals lebte. „Es war frustrierend zu erleben, wie allein gelassen man mit einem behinderten Kind in Deutschland ist“, erinnert sich Frederiks Mutter an die Rückkehr nach Kassel fünf Jahre später.

Alle Möglichkeiten, die es gibt, hätten sich die Eltern selbst erarbeiten müssen. „Wir brauchen Spezialisten, um in der kurzen Zeit der Entwicklungsphase der Kinder das Beste herauszuholen“, betont die 48-Jährige.

B. Klemm-Röbig

Als kräftezehrend beschreiben die Mütter ihren Weg. Die vielen Therapien, die auch zu Hause angewendet werden müssen, die vielen Wege, die täglich zu fahren sind. Und: „Eltern wissen oft gar nicht, was ihnen zusteht“, sagt Stephanie Drews, die zwölf Jahre lang ihren Beruf als Apothekerin aufgab, um ihren Sohn zu versorgen und zu fördern. Zudem sei es sehr kompliziert, Ansprüche durchzusetzen, ergänzt Barbara Klemm-Röbig, deren Tochter im Rollstuhl sitzt: „Die bürokratische Verwaltung meiner Tochter ist eine Katastrophe.“

Einer der größten Wünsche von Eltern behinderter Kinder ist eine übergeordnete Beratungsstelle, die alle Möglichkeiten im Blick hat und koordinierend helfen kann. Aber es fehlten einfach auch wichtige Angebote, um Eltern zu entlasten oder um Freizeitaktivitäten zu ermöglichen.

„Wenn wir Eltern ausfallen und keine Familie im Hintergrund da ist, können wir unsere Kinder nicht unterbringen“, nennt Barbara Klemm-Röbig ein Beispiel. So gebe es eigentlich keine Angebote für eine Kurzzeitpflege. Auch wünschen sich behinderte Kinder mehr Freizeitangebote, an denen Menschen mit Behinderung zum Beispiel in Vereinen teilnehmen können.

Auch beim Übergang von der Schule in den Beruf wünschen sich die Betroffenen mehr Unterstützung, Beratung und auch Angebote. Diese fehlten in Nordhessen auch im Bereich von Wohngemeinschaften von behinderten und nichtbehinderten Bewohnern. Barbara Klemm-Röbig appelliert: „Auch Eltern behinderter Kinder haben ein Recht auf Teilhabe am Leben!“

Selbsthilfegruppen

Weil die Eltern von Kindern mit cerebralen Bewegungsstörungen unzufrieden mit den bestehenden Förderungsangeboten für ihre Kinder waren, gründeten sie vor 20 Jahren den Verein Fortschritt Nordhessen. Ihr Hauptanliegen ist es, die Konduktive Förderung nach Andreas Petö auch betroffenen Kindern in der Region zugänglich zu machen. Rund 85 Familien auch aus Südniedersachsen und Ostwestfalen engagieren sich in der Selbsthilfegruppe. Mehr Infos unter www.fortschritt-nordhessen.de Rund15 Familien erfahren derzeit in der Selbsthilfegruppe Kinder und Jugendliche mit Schlaganfall in Hessen gegenseitigen Halt, Austausch, Rat und Hilfe. Kontakt: Stephanie Drews, Tel. 05 61/9 88 67 91, E-Mail: SHG.kassel@gmx.de Weitere Eltern-Selbsthilfegruppen sind unter www.selbsthilfe-kassel.de zu finden.

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