Studienberatung bietet Elternabende an - Viele Studenten stehen heute erst später auf eigenen Beinen

Eltern mischen an der Uni mit

Ilka Wehling

Kassel. Früher nannte man das Abitur noch Reifeprüfung, und der Schritt an die Universität war für viele Studenten zugleich die Befreiung vom Elternhaus. Vor 40 Jahren, als noch der Geist der 68er-Bewegung wehte und die Kasseler Gesamthochschule gerade als Reformuni gegründet war, hätte sich wohl keiner träumen lassen, dass auch Eltern einmal beim Studium mitmischen.

Heute ist das nicht nur in Kassel, sondern beispielsweise auch in Frankfurt und Darmstadt, gang und gäbe. Seit über zehn Jahren gibt es in Kassel einen Erstsemesterempfang. „Da werden seit einiger Zeit zum Teil die Eltern, die Oma und Verwandte mitgebracht“, sagt Unisprecherin Annette Ulbricht. Seit zwei Jahren veranstaltet die Uni auch Elternabende, um dem steigenden Interesse von Eltern am Studium ihres Kindes gerecht zu werden. Zuletzt kamen mehr als 60 Teilnehmer.

Hintergrund sei zum einen eine zunehmende Verunsicherung, sagt Oliver Claves von der Allgemeinen Studienberatung. Durch die Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem hätten sich die Erfahrungen auch von studierten Eltern überholt. Zudem seien die Auswahlmöglichkeiten – bundesweit gibt es 14 000 Studiengänge – explodiert. Damit sei die Studienfachentscheidung schwieriger.

Abiturienten unter Druck

Angesichts des Ansturms auf die Unis durch die Doppeljahrgänge und engere Zulassungskriterien fühlten sich auch viele Abiturienten unter Druck, sagt Ilka Wehling von der psychosozialen Beratungsstelle des Studentenwerks. Möglicherweise steige dadurch auch der Wunsch nach Begleitung. Durch die verkürzte Schulzeit (G8) und den Wegfall der Wehrpflicht sind die Erstsemester heute auch jünger als früher. Mit dem Angebot des Elternabends wolle man nicht zuletzt verhindern, dass die Eltern mit in die Sprechstunde der Studienberatung kommen, sagt Claves. „Wir wollen uns ganz den Studierenden zuwenden.“

In Kassel, wo 60 Prozent der Studenten aus Hessen und ein Großteil davon aus der Region kommen, lebten überdurchschnittlich viele junge Leute noch bei ihren Eltern, sagt Ilka Wehling. „Die Studenten fahren morgens von zu Hause an die Uni und wieder nach Hause – wie in der Schule“, sagt die Psychotherapeutin. Der Prozess der Abnabelung und des Erwachsenwerden werde so hinausgezögert. „Beim Studium geht es aber nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung“, betont Claves. Von Akademikern werde erwartet, dass sie sich selbst organisieren können, flexibel und krisenfest seien. „Das lernt man meist nicht, wenn man noch bei den Eltern wohnt.“

Natürlich sei in der Regel auch für erwachsene Kinder die Beziehung zu den Eltern noch wichtig. Was also ist das richtige Maß der Begleitung und Anteilnahme? Ilka Wehling: „Man sollte dem Kind signalisieren, dass man ein Grundvertrauen auch zu den Studienentscheidungen hat und zugleich das Gefühl vermitteln: Wenn du mich brauchst und das willst, bin ich für dich da.“

Fotos: Rudolph

Von Katja Rudolph

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