Embryo-TV erhöht Erfolgschance

Kinderwunschzentrum: Brutschrank erlaubt Beobachtung im Zeitraffer

Brutkasten gibt Einblicke: Dr. Marc Janos Willi vom Kinderwunschzentrum am Embryoscope, in dem die befruchteten Eizellenfünf Tage lang in ihrer Entwicklung beobachtet werden können.
+
Brutkasten gibt Einblicke: Dr. Marc Janos Willi vom Kinderwunschzentrum am Embryoscope, in dem die befruchteten Eizellenfünf Tage lang in ihrer Entwicklung beobachtet werden können.

Filme in Schwarz-Weiß laufen seit einiger Zeit regelmäßig im Kinderwunschzentrum am Kasseler Klinikum: Dort ist mit der Anschaffung eines neuen Apparats die Entwicklung von befruchteten Eizellen zu Embryonen beobachtbar geworden.

Kassel – Mit dem Embryoscope sei die Erfolgschance bei künstlichen Befruchtungen durchschnittlich um ein Drittel höher als ohne Einsatz dieser Technologie, berichtet der Ärztliche Leiter Dr. Marc Janos Willi.

Das Embryoscope ist im Prinzip ein Brutschrank, in dem die befruchteten Eizellen bis zu fünf Tage lang aufbewahrt werden, um sich unter kontrollierten Bedingungen weiterzuentwickeln. Platz ist für Kulturschälchen mit den Eizellen von bis zu 15 Patientinnen. So weit, so üblich bei künstlicher Befruchtung. Die Besonderheit des Embryoscopes ist, dass in das Gerät ein Mikroskop integriert ist und eine Kamera. Sie zeichnet die Entwicklung der Embryonen pausenlos auf.

Im Zeitraffer lässt sich dann auf dem Bildschirm die Zellteilung und Reifung bis zur sogenannten Blastozyste an Tag 5 verfolgen. Was für den Laien aussieht wie Bläschen, die sich vermehren und schließlich in einem großen Ring anordnen, gibt den Experten am Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) für Reproduktionsmedizin wichtige Informationen vor dem Einsetzen des Embryos in die Gebärmutter der jeweiligen Patientin.

Beispielsweise könne man Auffälligkeiten bei der Zellteilung erkennen, erklärt Dr. Ilka Pfurr, Laborleiterin am MVZ. Wenn die aus einer Teilung hervorgehenden Zellen sehr unterschiedliche Größen hätten oder ungerade Zellzahlen wie Siebenzeller länger andauern, könne das ein Hinweis sein, dass der Embryo schlechtere Überlebenschancen hat. So können Pfurr und ihre Kolleginnen im Labor den aussichtsreichsten Embryo auswählen.

Auch sonst macht das Laborteam bei künstlicher Befruchtung vereinzelte „Schnappschuss“-Untersuchungen während des Heranwachsens der Embryonen und schaut sie sich vor dem Transfer in die Gebärmutter genau an. Dabei lässt sich aber nicht jede mitunter wichtige Zwischenstufe beobachten. Jede Entnahme aus dem Inkubator bedeute für die Embryonen außerdem Stress, erklärt Reproduktionsmediziner Willi: „Embryonen mögen kein Licht, keinen Sauerstoffüberschüss und keine Temperaturschwankungen.“ So bringe die Überwachung, ohne dass dafür der Brutschrank geöffnet werden muss, einen zusätzlichen Vorteil.

Seit einem Jahr ist das Embryoscope im Kinderwunschzentrum im Einsatz. Bei Paaren, die sich bei künstlicher Befruchtung für die Zusatzmethode entschieden, lag die Schwangerschaftsrate laut Willi bei durchschnittlich 42,5 Prozent – gegenüber etwa 34 Prozent ohne die neue Technologie. Etwa jedes zweite Paar am MVZ entscheide sich inzwischen für das Zusatzverfahren, das keine Kassenleistung ist und 800 Euro kostet.

Auch einigen Paaren, die schon mehrere erfolglose Behandlungen hinter sich hatten, habe man mit dem Embryoscope zu einer Schwangerschaft verhelfen können, berichtet Willi. Kaum zusätzlichen Nutzen bringe das Verfahren bei Frauen, bei denen sich nur sehr wenige Eizellen gebildet haben – eine Auswahl kann man in diesen Fällen kaum treffen.

Von Katja Rudolph

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.