Syrerin aus Kassel hat endlich einen Ausbildungsplatz

Kasseler Projekt hilft Migranten und älteren Menschen

Die Syrerin Khadija Otri hat soeben in den Räumen von Jafka in der Kasseler Nordstadt ihr Zertifikat als Sorgeassistentin verliehen bekommen.
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Stolz auf sich: Die Syrerin Khadija Otri hat soeben in den Räumen von Jafka in der Kasseler Nordstadt ihr Zertifikat als Sorgeassistentin verliehen bekommen.

Sieben Migrantinnen aus Kassel haben sich in den vergangenen elf Monaten als Sorgeassistentinnen qualifiziert. Khadija Otri ist eine von ihnen. Das ist ihre Geschichte.

Kassel – Schon als Kind hat Khadija Otri davon geträumt. Damals in Syrien. Sie wollte Ärztin werden. Oder zumindest in einem medizinischen oder Pflegeberuf tätig sein. Menschen helfen. Nun ist die 20-Jährige diesem Ziel ein gutes Stück näher gerückt. Die junge Migrantin gehört zu sieben Frauen, die in den vergangenen elf Monaten eine Qualifizierung zur Sorgeassistenz abgeschlossen haben.

Mit anderen Worten: Die Teilnehmerinnen qualifizierten sich in den Bereichen Hauswirtschaft und Pflege. Stolz präsentiert die Syrerin ihr Zeugnis. Otri strahlt. Nicht nur, weil sie es geschafft, sondern weil sie zudem einen Ausbildungsplatz als Altenpflegerin bei der Awo Nordhessen bekommen hat. Sie fühle sich mehr und mehr wohl in Deutschland, sie habe Fuß gefasst: „Endlich habe ich eine Perspektive.“

Das alles erzählt die junge Frau in erstaunlich gutem Deutsch. Über die Türkei kommt sie mit ihren beiden Geschwistern vor vier Jahren hier her, nachgeholt von der Mutter, die schon früher geflüchtet ist und in München eine Bleibe findet. Der Vater sei in Syrien nach langer Krankheit gestorben, berichtet Otri. Sie habe ihn zu Hause gepflegt, seine Wunden gereinigt. In dieser Zeit wächst auch der Wunsch, Ärztin zu werden.

In München macht sie ihren Hauptschulabschluss. Zunächst geht es ihr aber überhaupt nicht gut. „Ich wollte nicht bleiben.“ In der Schule habe sie nichts verstanden. Otri ist verzweifelt, sie weint viel. Aber sie reißt sich zusammen, entwickelt einen starken Willen und sagt sich, dass die geduldig sein müsse. Ihr ist klar: „Ich muss die Sprache lernen.“ Das gelingt.

Als Lageristin verdient sie erst einmal etwas Geld, bis sich ihr Onkel meldet, der ihnen eine Wohnung in Kaufungen besorgt. Vor gut einem Jahr zieht die Familie nach Nordhessen. Und über ihre Tante erfährt die Syrerin von dem Kasseler Projekt, bei dem sie sich als Sorgeassistentin qualifizieren kann. Otri muss nicht lange überlegen und meldet sich an.

Bei Jafka, der Gesellschaft für Aus- und Fortbildung in der Nordstadt, findet die Theorie statt. Zu der gehören auch Sprachkurse. Zudem lernt Otri „alles, was man braucht, um einen Haushalt in Schuss zu halten“, wie sie sagt. Das habe bei richtiger Reinigung angefangen und bei vitaminreichem Kochen aufgehört. Sie sei selbst erstaunt gewesen, wie viel Neues sie erfahren hat.

Dass sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln mehr als eine Stunde von Kaufungen bis zu Jafka benötigt, nimmt sie gern in Kauf. Auch das Homeschooling, das wegen Corona oftmals gemacht werden muss, erschwert die Sache zwar ein wenig, es stört sie aber nicht. Otri verfolgt ein Ziel.

Darin wird sie während der praktischen Abschnitte in einer Heimstätte der Awo zusätzlich bestätigt. Sich um ältere Menschen zu kümmern, macht ihr Spaß. „Wenn ich sehe, wie viel Freude so ein Gespräch den Älteren macht, dann bin ich auch glücklich“, sagt Otri. Und zudem bekommt sie Wissen vermittelt, wie etwa mit Schlaganfallpatienten oder Demenzkranken umzugehen ist.

Die junge Syrerin empfindet Dankbarkeit. „Die Leute hier sind immer für uns da.“ Otri hat viel gelernt und überdies Freunde gefunden. Und das Thema Ärztin ist noch lange nicht vom Tisch. Sie sei noch so jung, sagt Otri: „Ich will das machen.“ Ihr Motto lautet: Ich schaffe das. Zuzutrauen ist es ihr.

Das Projekt „Sorgearbeit im Quartier“

Die elfmonatige Qualifizierung zur Sorgeassistenz gehört zum Projekt „Sorgearbeit im Quartier“ der Stadt Kassel in Kooperation mit Stadtbild und Awo Nordhessen. Das Projekt richtet sich an Migrantinnen und Migranten. Die Idee ist, Sorgeassistentinnen in den Bereichen haushaltsnahe Dienstleistungen, betreute Wohneinrichtungen und im Quartiersmanagement einzusetzen und ihnen eine Beschäftigung zu ermöglichen.

Im besten Fall schafft dieses Pilotprojekt Arbeitsplätze und integriert Migrantinnen. Bürgermeisterin Ilona Friedrich, die das Projekt initiiert hat, verweist auf einen weiteren Punkt: „Ältere Menschen wollen solange wie möglich zu Hause leben. Dafür benötigen sie Unterstützung.“ Leider fehle in Deutschland für haushaltsnahe Dienstleistungen eine ausreichende Finanzierung.

Auch Eva Münning von der Awo spricht von einem hohen Bedarf an Sorgeassistentinnen. Das Projekt könne der Lücke entgegenwirken. Die Qualifizierung ist zertifiziert und kann verkürzend für eine spätere Vollausbildung im Bereich Hauswirtschaft angerechnet werden. „Sorgearbeit im Quartier“ wird vom Land Hessen mit mehr als 1,4 Millionen Euro über vier Jahre gefördert.

Anmeldung und Information

Der nächste Kurs läuft bereits. Bis Ende Oktober ist der Einstieg noch möglich. Informationen und Anmeldung: Sozialamt Stadt Kassel, Ronja Faustini, Tel. 0561/7875602, E-Mail: ronja.faustini@kassel.de; oder Cornelia Henze von Stadtbild, Tel. 0561/9837461, E-Mail: cornelia_henze@jafka.de (Robin Lipke)

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