Erfinder der Schlafsterne

Engel-Apotheke besteht seit 170 Jahren

+
Lange Tradition: Inhaber Jürgen Müller-Rebstein vor seiner Apotheke mit dem denkmalgeschützen Engel (Mitte oben).

Kassel. Im Eingang der Engel-Apotheke am Rathaus sticht den Kunden eine ganze Batterie von etikettierten Braunglas-Flaschen ins Auge: Apotheker Jürgen Müller-Rebstein verkauft hier die Restbestände eines wichtigen Stücks Geschichte seiner Apotheke, die in diesen Tagen 170 Jahre besteht.

Viele Jahrzehnte lang wurden in den Gläsern die Grundstoffe für allerlei Tinkturen und homöopathische Heilmittel aufbewahrt. Für ihre eigenen Mixturen, deren Grundstoffe häufig aus dem eigenen Kräutergarten kamen, war die Engel-Apotheke berühmt.

Heute werden auch noch ab und zu Salben nach individuellen Rezepturen zubereitet. Doch eigentlich rechne sich diese Arbeit für den Apotheker nicht mehr, sagt Müller-Rebstein.

Der 56-Jährige, der mit einer gepachteten Apotheke in Göttingen seine pharmazeutische Karriere begann, hat die Engel-Apotheke, die mit 170 Jahren zu den ältesten und traditionsreichsten in Kassel zählt, 2007 übernommen und gründlich modernisiert.

Während früher die Medikamente hinter Holzvertäfelungen den Blicken der Kunden entzogen waren, kann sich nach dem Umbau nun jeder Kunde in Regalreihen mit in einem breiten Sortiment aus Arzneimitteln, Kosmetika und Nahrungsergänzungsprodukten orientieren.

Die Geschichte der Engel-Apotheke beginnt am 23. Juni 1843, als der Apotheker August Sievers die Konzession für seine „H.E.A. Sievers‘sche Apotheke erteilt. Dessen Sohn beschäftigte später schon zwei Apotheker und zwei Gehilfen. Sievers verkauften die Apotheke bereits im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts an Dr. Carl Siebert. Danach wechselte die Apotheke noch mehrfach den Besitzer.

Zwischen den beiden Weltkriegen sorgte der Apotheker Paul Mardorf für Wachstum. Er benannte sie in „Engel-Apotheke“ um und erfand nach einer Rezeptur des Hof-Zahnarztes Dr. Lohmann die regionale Marke Dentisano für Zahnpasta und Mundwässer. In den 1960er-Jahren machte die Apotheke erneut mit einer Eigenentwicklung von sich reden.

Unter der Regie des Inhabers Harry Michael, der die im zweiten Weltkrieg völlig zerstörte Apotheke wieder aufbaute, wurde Anfang der 1960er-Jahre ein schonendes Schlafmittel kreiert: Die „Schlafsterne“ aus Kassel werden noch heute von der Pharma-Firma Retorta vertrieben.

Trotz des schwieriger werdenden Arzneimittelmarkts ist die traditionsreiche Apotheke auf Erfolgskurs. Man habe die Drei-Millionen-Euro-Umsatzgrenze schon hinter sich gelassen, sagte Müller-Rebstein. „Wir lassen uns auf den Preiskampf mit dem Internet ein“, ergänzte er. Die Apotheke praktiziere den „Spagat zwischen günstigen Preisen und qualifizierter Beratung.“ Müller-Rebstein hofft, dass der Markt der Apotheken nicht weiter liberalisiert wird. Dürften große Konzerne flächendeckend Gesundheitsfilialen errichten, wäre dies das Ende der tradtionellen Apotheken, sagt er.

Von Peter Dilling

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.