Enkel nimmt Großvater Willi Seidel in Schutz

Der Enkel erinnert sich: Dr. Lutz Morgner.

Kassel. Ein Enkel von Kassels früherem Oberbürgermeister Willi Seidel nimmt seinen Großvater gegen Spekulationen in Schutz, er habe der NSDAP nahegestanden.

Dr. Lutz Morgner (71) ist der zweitälteste Enkel von Seidel und hatte nach eigener Aussage ein enges Verhältnis zu seinem 1976 verstorbenen Großvater. Dieser hatte, wie jetzt durch eine Buchveröffentlichung bekannt wurde, 1937 die Aufnahme in die NSDAP beantragt.

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Morgner wurde in Kassel als Sohn von Seidels Tochter Eleonore geboren, wohnt aber inzwischen in Neustadt an der Weinstraße. Er hat eine Erklärung für den NSDAP-Antrag seines Großvaters: „Er hat diesen Antrag aus taktischen Gründen gestellt.“ Er habe ihm später erzählt, dass die Nazis ihn mehrfach angesprochen hätten, Parteimitglied zu werden. Seidel habe dies mit Verweis auf seine Mitgliedschaft in einer Loge abgelehnt. Dann habe er wohl unter dem Druck doch einen Antrag gestellt, wohlwissend, dass dieser wegen seiner Logenaktivität abgelehnt würde.

Tatsächlich gibt es keinen Beleg für eine Aufnahme. Nur der Antrag ist in den Archiven erhalten. Es gibt aber Schriftstücke der NS-Gauleitung, in denen Seidel, der auch in den Kriegsjahren in städtischen Diensten stand, als „Bürodirektor Pg.“ angeredet wurde. Pg. steht für Parteigenosse.

Morgner beschreibt seinen Großvater als „Beamten preußischer Prägung“, der nur eins wollte: seiner Stadt dienen. Deshalb sei er sicherlich auch von den Amerikanern als Nachkriegs-Oberbürgermeister (von 1945 bis 1954 im Amt) ausgewählt worden. „Mein Großvater stand dem Gedankengut des Nationalsozialismus immer ablehnend gegenüber.“

Der Enkel erinnert sich: Dr. Lutz Morgner.

Auch erinnert sich Morgner noch daran, wie sein Großvater davon berichtete, wie er nach dem Krieg vor seinem Arbeitsbeginn zunächst noch den Trümmerfrauen half, den Schutt von den Straßen zu schaffen.

Seidel hatte 1945 Grundsätze für die Stadt erlassen, nach denen zukünftige Oberbürgermeister und sonstige Magistratsmitglieder zu keinem Zeitpunkt der NSDAP angehören durften.

Die Debatte um die NS-Vergangenheit von Kasseler Oberbürgermeistern war durch eine Buchveröffentlichung angestoßen worden. Darin ist auch Seidels Name genannt. Die Autoren des Buches „Kassel in der Moderne - Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte“ hatten auf Seidels NSDAP-Antrag hingewiesen.

Von Bastian Ludwig

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