Zahlreiche Vorfälle in Hessen und Südniedersachsen

Miese Masche Enkeltrick: Fallzahlen sind drastisch angestiegen - Betrüger ergaunern jedes Jahr Millionen

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Die miese Masche mit den Enkeltricks: Die Vorfälle in Nordhessen und Südniedersachsen steigen - bundesweit erbeuten die Gauner jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag.

Millionengeschäft „Enkeltrick“: Laut dem hessischen Landeskriminalamt stieg die Fallzahl beim Enkeltrick in Hessen von 2017 auf 2018 um 51 Prozent.

  • Enkeltrick-Vorfälle beschäftigen die Landeskriminalämter seit Jahren.
  • Kriminelle geben sich am Hörer als Verwandte oder Polizisten aus.
  • Auch diese Zeitung berichtete bereits über Senioren, die am Telefon um tausende Euro gebracht wurden.

Hinter den Enkeltrick-Anrufen stehen oft organisierte Banden, welche die Ermittler vor immer wieder neue Herausforderungen stellen. Sie verändern ihre betrügerischen Maschen, tarnen sich als Amtsträger oder überlisten ihre Opfer mit falschen Gewinnspielen.

Die Netzwerke hinter dieser Form der organisierten Kriminalität reichen bis ins Ausland: In Zusammenarbeit mit türkischen Sicherheitsbehörden konnte das Bundeskriminalamt Callcenter in Izmir und Istanbul identifizieren. Sie sind die Schaltzentralen der Verbrecher.

Enkeltrick: Viele Opfer zeigen die Tat nicht an

Folgenreich ist der Betrug für die Opfer. Sie sind meist alt und leiden auch seelisch unter den Vorfällen. Hinzukommt, dass viele Betroffene laut Opferhilfen wie dem Weißen Ring die Tat nicht anzeigen – sie schämen sich. Gerade diese Menschen, die häufig alleine leben, flüchten sich nach einem Betrugsfall schlimmstenfalls in die Isolation und verlieren das Vertrauen in ihr Umfeld.

Deutschlandweit ergauern Enkeltrick-Betrüger jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag

Deutschlandweit, so schätzt das Bundeskriminalamt (BKA) 2018 gegenüber „Spiegel Online“, beläuft sich die Beute allein durch den Trick mit den falschen Polizisten jährlich auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Auf Anfrage unserer Zeitung teilt BKA-Sprecher Jens Beismann aber mit, dass es keine aktuellen Schadenszahlen gebe.

Enkeltrick: Kriminelle Banden agieren europaweit - eine Callcenter-Mafia

Wenn bei Telefonbetrug von einem europaweiten Phänomen die Rede ist, gilt dies auch für das Netzwerk der Kriminellen. Es macht vor Staatsgrenzen nicht halt. Die Täter sind in Banden organisiert, es gibt klare Hierarchien. Oft beginnt der Betrug im Ausland, etwa in Polen oder in der Türkei

Aus Callcentern rufen die Drahtzieher, die sogenannten Keiler, ihre potenziellen Opfer an. Mit technischen Mitteln lassen sie falsche Nummern auf Displays erscheinen – Nummern wie die 110, von der aus die echte Polizei nie anrufen würde. Anhand der Namen in Telefonbüchern schließen sie auf ältere Menschen. 

Senioren sind häufig zuhause, sagt der Sprecher des hessischen LKA, Christoph Schulte. Sie seien oft schlecht informiert über die Maschen. Hat ein Keiler Erfolg, muss der Beutezug organisiert werden. „Logistiker“ kontaktieren die „Abholer“. Im Fall des Enkeltricks treten diese etwa als angebliche Vertreter von Verwandten auf, die das Geld entgegennehmen sollen.

Enkeltrick-Betrüger: Festnahmen in der Türkei

Seit 2013 ermitteln die Polizeistellen der Länder laut BKA-Sprecher Beismann verstärkt in Fällen, die möglicherweise auf die Callcenter-Mafia zurückzuführen sind. Das BKA arbeite eng mit den Behörden in der Türkei zusammen.

Dies habe seitens der türkischen Ermittler zu „zahlreichen Festnahmen in Izmir, Istanbul und Denizli“ geführt. Dass es keine zentrale Ermittlungsgruppe des BKA für diese Fälle gibt, kritisierte das nordrhein-westfälische LKA gegenüber „Spiegel Online“. Es mangele an Abstimmung. Die Aufklärungsquoten sind niedrig, beim Enkeltrick lag sie in Hessen zuletzt bei 4,6 Prozent.

Enkeltrick-Vorfälle in Nordhessen und Südniedersachsen

In Südniedersachsen hat die Polizei im Jahr 2018 über 900 Enkeltrick-Anrufe registriert. Laut Polizei Northeim lag der Schaden durch Enkeltrick-Anrufer in Niedersachsen im Jahr 2018 bei 4,5 Millionen Euro. Wir haben ein paar der jüngeren Fälle aus Nordhessen und Südniedersachsen zusammengetragen.

Enkeltrick: Vorfälle in Stadt und Landkreis Kassel

So ist es auch in der Stadt und im Landkreis Kassel in den vergangenen Wochen vorgekommen, dass Senioren mit dem sogenannten Enkeltrick oder durch falsche Polizeibeamte um ihr Vermögen gebracht wurden.

Erst im November 2019 haben zum Beispiel falsche Polizeibeamte in Kassel eine hochbetagte Seniorin und ihre 52-jährige Tochter* am Telefon dermaßen manipuliert, dass sie bei den beiden Frauen 20.000 Euro erbeuteten. Der Betrüger erklärte den Frauen, dass ihr Name auf der Liste einer bekannten Einbrecherbande stehe und sie ihr Geld der Polizei geben sollen, um es vor einem Einbruch in Sicherheit zu bringen. Die Frauen ließen sich darauf ein, das Geld in einer Tüte auf eine Mülltonne in der Kasseler Südstadt zu deponieren. Anschließend war es verschwunden.

Auch in Baunatal haben Betrüger mit der Enkeltrickmasche kürzlich Beute gemacht: 67.000 Euro nahmen sie einer Seniorin ab*. Die hilfsbereite Frau übergab das Geld einem Abholer in dem Glauben, ihrer Enkeltochter damit beim Kauf einer Immobilie zu helfen. Erst später merkte sie, dass sie Opfer eines Betrugs geworden war.

Enkeltrick: Vorfälle im Kreisteil Hofgeismar

Betrugsversuche gibt es immer wieder auch im Kreisteil Hofgeismar. So hatten Telefonbetrüger, die sich als Polizisten ausgaben, im vergangenen Jahr in Bad Karlshafen versucht, mindestens drei Seniorinnen Wertsachen abzunehmen*. Sie hatten gesagt, dass weder ihr Geld noch ihre Wertsachen sicher seien.

Die drei Frauen durchschauten die Betrüger. Eine Seniorin hatte sofort aufgelegt, berichtete die Polizei damals. Eine andere hatte so viel nachgefragt, dass der Anrufer das Gespräch beendete. Und auch bei der dritten Frau blieb der Versuch erfolglos.

Mitte November verhinderte laut Polizei ein Bankmitarbeiter in Grebenstein die Übergabe von 30.000 Euro. Ein Senior aus Espenau war in das Grebensteiner Geldinstitut gekommen und wollte 30.000 Euro vom Konto abheben. Als sich der aufmerksame Mitarbeiter nach dem Grund erkundigte, gab der Mann an, dass eine entfernte Bekannte das Geld dringend für den Kauf einer Immobilie brauche. 

Die Betrüger hatten sogar das Taxi bestellt, das den Mann nach Grebenstein fuhr. Die Täter erschienen dann aber nicht zur vereinbarten Geldübergabe im Bereich der Filiale.

Enkeltrick: Vorfälle im Wolfhager Land

Auch im Wolfhager Land gab es laut Polizei-Pressesprecherin Ulrike Schaake in diesem Jahr diverse Betrugsversuche. In Habichtswald, Wolfhagen, Zierenberg und Bad Emstal erhielten Privatleute Anrufe von falschen Enkeln und Polizeibeamten. Glücklicherweise sei niemand den Betrügern auf den Leim gegangen.

Laut Schaake hatten zuletzt vier hochbetagte Senioren in Zierenberg Anrufe erhalten. Betrüger suchen nach altklingenden Vornamen im Telefonbuch und rufen so gezielt Senioren an. Der Anrufer gab sich als Polizeibeamter aus und berichtete, dass in der Nachbarschaft eingebrochen worden sei. Nach der Frage, ob die Senioren etwas gesehen haben, folgte schnell die Aufforderung, vorhandenes Bargeld und Wertgegenstände in die Obhut der Polizei zu geben, um es vor den Dieben zu schützen. 

Die Zierenberger ließen sich nicht täuschen. Sie nahmen Kontakt mit Familienangehörigen auf oder riefen bei der „echten“ Polizei an. „Richtig reagiert“, sagt Polizeibeamtin Schaake. Wichtig sei es, sofort den Hörer aufzulegen und die Polizei zu informieren.

Enkeltrick: Vorfälle im Werra-Meißner-Kreis

Auch im Werra-Meißner-Kreis hat es in der Vergangenheit Fälle des Enkeltrickbetrugs gegeben. So berichtet Polizeisprecher Alexander Först von einer Serie in Witzenhausen, die sich von Anfang bis Mitte Dezember ereignet hat. Städte und Gemeinden, in denen die Enkeltrickbetrüger besonders oft zuschlagen, gäbe es aber nicht. 

Insgesamt gab es im Kreis 92 Betrugsfälle von Anfang 2015 bis Ende 2018. In vier Fällen konnten die Täter zwischen 2000 und 50.000 Euro erbeuten. Ansonsten blieb es bei Versuchen. Erst am Dienstag hatte eine Anruferin mit osteuropäischem Akzent laut Polizei versucht, eine 59-Jährige aus Hessisch Lichtenau gegen 14.45 Uhr um 25.000 Euro zu erleichtern. Diese wurde jedoch misstrauisch und legte auf. 

Die Verfolgung der Anrufer sei laut Först schwierig, da die Täter mit unterdrückten Nummern anriefen oder falsche Nummern vortäuschten. Als Beispiel nennt er Betrugsfälle, in denen sich die Anrufer als Polizisten ausgaben und mithilfe technischer Mittel die Nummer 110 an das Telefon der Betroffenen übermittelten.

Enkeltrick: Vorfälle im Kreis Hersfeld-Rotenburg

Wie das Polizeipräsidium Osthessen auf Nachfrage mitteilt, sind allein in diesem Jahr kreisweit allein rund 50 Enkeltrick-Fälle aktenkundig. Die Dunkelziffer sei aber vermutlich wesentlich höher, sagt Polizeisprecher Stephan Müller. 

Einem Trickbetrüger gelang es im vergangenen Jahr, sich auf diese Art 185.000 Euro von einer 78 Jahre alten Frau* aus Bad Hersfeld zu ergaunern. In diesem Jahr hatten Enkeltrick-Betrüger nach Angaben der Ermittler bereits zweimal in Bebra Erfolg – und erbeuteten einen fünfstelligen Geldbetrag. 

Auch mit der Masche, sich als Polizeibeamte auszugeben, versuchen Gauner immer öfter, sich erst das Vertrauen ahnungsloser Menschen zu erschleichen, um dann an ihr Erspartes oder an Wertgegenstände zu gelangen. Laut Polizei sind in diesem Jahr ebenfalls rund 50 solcher Fälle aus dem Kreisgebiet angezeigt worden. „Zum Glück kam es dabei zu keinem Schaden, also zu keiner Geldübergabe“, sagt Stephan Müller, Sprecher der echten Polizei.

Enkeltrick: Vorfälle im Landkreis Waldeck-Frankenberg

Zuletzt hatten am 10. Dezember erneut Betrüger versucht, mit der miesen Masche „Falscher Polizeibeamter“ überwiegend ältere Menschen aus Korbach um ihre Ersparnisse zu bringen. Die Betrugsmasche war den Angerufenen größtenteils bekannt, alle erkannten schnell, dass der Anrufer kein richtiger Polizist war. 

Insgesamt rund 20 Personen waren nach Angaben der Polizei von den Betrugsversuchen* betroffen. Fast immer habe sich der Anrufer als „Herr Weber“ von der Kriminalpolizei vorgestellt". Es folgte die nicht mehr neue Geschichte, dass ein Einbrecher in der Nachbarschaft festgenommen worden sei. Dabei habe man einen Zettel gefunden, auf dem der Name und die Anschrift des Angerufenen stehen sollen. 

Der angebliche „Herr Weber“ erklärte, dass man befürchte, dass auch bei dem Angerufenen eingebrochen werden soll. Er fragte nach Wertsachen, die in Sicherheit gebracht werden müssten. Spätestens bei dieser Frage reagierten die Korbacher richtig: Sie erkannten den Betrugsversuch, beendeten das Telefonat und erstatteten Anzeige.

Enkeltrick: Vorfälle im Schwalm-Eder-Kreis

Erst kürzlich übergab eine 90-Jährige aus Spangenberg fast 40.000 Euro an Betrüger*. Der Anrufer rief die alte Dame laut Polizei mehrmals an und gab sich als ihr Neffe aus. Er sagte, dass er für einen Autokauf Bargeld benötigte. Mit mehreren Anrufen drängte er die Frau zu einer Geldübergabe. Die Spangenbergerin ließ sich überzeugen und übergab 39.000 Euro an einen jungen Mann. 

Noch einmal Glück hatte hingegen eine 88-Jährige, ebenfalls aus Spangenberg. Auch sie sollte vor Kurzem Opfer des Enkeltricks werden. Die Tochter der Seniorin bekam den Anruf mit und verhinderte Schlimmeres. 

In Gensungen wollte ein Rentner 35.000 Euro von seinem Konto abheben, um diese an einen angeblichen Enkel zu übergeben. Glücklicherweise informierte eine aufmerksame Bankangestellte den Sohn des Mannes über das Vorhaben.

Enkeltrick: Vorfälle im Landkreis Northeim

Der jüngste Fall, bei dem falsche Polizisten einen Rentner im Landkreis Northeim* um einen größeren Betrag gebracht haben, liegt rund sechs Wochen zurück. Mit mehreren Telefongesprächen erschlichen sie sich das Vertrauen eines Seniors aus Hollenstedt. Sie gaukelten ihm vor, dass seine Ersparnisse in Gefahr seien, und brachten ihn schließlich dazu, dass er spätabends einen größeren Geldbetrag in einem Briefumschlag vor seiner Haustür deponierte. 

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Täter ihn kurz darauf abgeholt haben. Als der Rentner am nächsten Tag seinem Nachbarn davon erzählte, schöpfte der Verdacht und informierte die Polizei. Regelmäßig gibt es solche betrügerische Anrufserien. 

So gab es in der vergangenen Woche erneut Anrufe falscher Polizisten in Northeim. Eine ganze Reihe von Angerufenen, die Verdacht geschöpft hatten, hat sich bei der Polizei gemeldet. Die meisten dieser Anrufe sind nach den Worten von Dirk Schubert von der Polizei Northeim aus Sicht der Täter erfolglos. Die Ermittler schätzen, dass von 100 Angerufenen nur einer auf die perfide Masche hereinfällt.

Enkeltrick: Vorfälle im Landkreis Göttingen

Auch in der Region treiben Telefonbetrüger seit Jahren ihr Unwesen. Über 900 solcher Anrufe hat die Polizei in Südniedersachsen 2018 registriert. Rund 30 Mal hatten die Täter laut Sicherheitsbericht der Polizeidirektion Göttingen mit den Varianten „falsche Polizeibeamte“ und „Enkeltrick“ auch Erfolg. 

In Hann. Münden verlor ein Rentner im Januar 2018 durch die „Enkeltrick“-Masche laut Polizei „mehrere Tausend Euro“. Und Anfang März dieses Jahres wurde eine 78 Jahre alte Frau aus Hann. Münden Opfer solcher Gauner. 

Eine Frau hatte sich am Telefon als ihre Schwägerin ausgegeben und um finanzielle Unterstützung nach einem angeblichen Verkehrsunfall gebeten. Die 78-Jährige, so die Polizei, ließ sich schließlich auf die „hartnäckige Bitte“ der Frau ein und bot der vermeintlichen Schwägerin, weil sie kein Bargeld im Haus hatte, Schmuck an*. 

Die „hochwertigen Schmuckstücke“ übergab sie anschließend an ihrer Haustür einem Mann, der sich als Lehrling eines Notarbüros ausgab, der den Schmuck für die angebliche Schwägerin entgegennehmen sollte.

Mit Bernd Schünemann, Carolin Hartung und dpa

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