Edeltraut Schreiber kämpft gegen Betrüger

Enkeltrick: Kasseler Seniorin bekam mehrfach Anrufe von Kriminellen

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Klare Botschaft: Edeltraut Schreiber will Ältere vor Trickbetrügern warnen, nachdem sie die Meldung rechts wütend gemacht hat.

Edeltraut Schreiber ist schon mehrfach von Enkeltrick-Betrügern angerufen worden. Ihre Botschaft an ältere Menschen: „Lasst euch nicht verarschen.“

Als Edeltraut Schreiber aus Kassel am 7. August die Zeitung liest, wird sie plötzlich ganz zornig. Sie sieht eine Meldung über einen Enkeltrick. Dabei haben die Täter durch arglistige Täuschung 28.000 Euro von einem Rentner aus dem Fuldataler Ortsteil Simmershausen erbeutet.

Das macht Edeltraut Schreiber so wütend, dass sie sich bei der Zeitung meldet. Ihre Botschaft an die älteren Menschen: „Lasst euch nicht verarschen.“

Edeltraut Schreiber wird selbst bald 81 Jahre alt. Schnell wird klar, woher ihre Wut und ihr Zorn kommen – und dass sie mehr mitzuteilen hat als eine Warnung an Senioren. Seit 2010 hat sie auch zehn Anrufe von Betrügern bekommen, in diesem Jahr waren es zwei. Wenn sie eine Stimme vom Band hört, legt sie gleich wieder auf.

Anrufe waren beängstigend

Es kam aber auch schon vor, dass sie in ein längeres Gespräch verwickelt wurde. Da redeten gleich mehrere Personen auf sie ein. Am Ende sollte sie 20.000 Euro auf ein Konto überweisen. Edeltraut Schreiber hatte danach Angst, sie war aufgewühlt, aber ihr wurde klar, dass etwas nicht stimmen, dass telefonisch nie eine solche Forderung erhoben werden kann. Sie ging zur Polizei, erstattete Anzeige. Die Anrufer wurden nie ermittelt.

Was Edeltraut Schreiber vor allem aufregt, ist der mangelnde Respekt dieser Betrüger vor einer Generation, die nicht nur viel mitgemacht, sondern auch viel geleistet hat. Sie sagt: „Wir haben Hunger, Krieg und Vertreibung überstanden und dann die Städte wieder aufgebaut.“ Und jetzt versuchen Kriminelle, ihnen das zu nehmen, was sie sich redlich verdient haben. Edeltraut Schreiber möchte den älteren Menschen deshalb zurufen: „Ihr könnt doch so stolz auf euch sein. Also seid stark.“

Dann erzählt Edeltraut Schreiber über ihr Leben. Geboren 1938 im Sudetenland, kurz nach dem Krieg kommt sie mit ihrer Familie nach Nordhessen, 1949 nach Kassel. Sie will Kindergärtnerin werden. „Ich bin mit meiner Mutti zum Arbeitsamt gegangen. Die hatten aber nur eine Stelle als Frisörin. Die habe ich genommen. Aber wusste ich, was eine Frisörin war? Nein.“ Sie arbeitet von 7 Uhr bis 18 Uhr, manchmal länger – ohne Pause. Bei Schnee muss sie des Öfteren eine Stunde zur Arbeit laufen, weil keine Tram fährt. Der Lohn für ihre Tätigkeit: 25 Mark im Monat. Und nebenbei hilft sie dabei, ihre jüngere Schwester großzuziehen.

Edeltraut Schreiber heiratet, bekommt vier Kinder – und verdient später ihr Geld, indem sie putzen geht. Ihr Dienst beginnt um 5.20 Uhr. Nebenbei engagiert sie sich im Unterneustädter Ortsbeirat, im Pfarrgemeinderat, als Märchenvorleserin.

Warnung an ihre Generation

Und jetzt, mit fast 81, bewältigt sie immer noch ihr Leben, so gut es geht. Sie kümmert sich um ihren Mann, der seit 19 Jahren ein Pflegefall ist, und um ihre behinderte Tochter, sie fährt immer noch Auto und ist zur Stelle, wenn es darauf ankommt. Schon 80 mal hat sie Blut gespendet. Vor drei Jahren überreichte ihr der damalige Oberbürgermeister Bertram Hilgen die Urkunde als Stadtälteste.

Während Edeltraut Schreiber das alles erzählt, wird deutlich, was sie mit Stolz meint – und warum sie ihre Generation vor den Betrügern schützen will. Ihr Appell richtet sich aber auch an die Kinder und Enkel der älteren Menschen: „Kümmert euch um die älteren Menschen. Ruft sie regelmäßig an. Sie haben es verdient.“

Edeltraut Schreiber schlägt den Bogen zu den Enkeltricks und sagt in Richtung der Kinder und Enkel: „Denkt bitte daran: Das Geld, was sich andere von uns alten Menschen ergaunern, geht von eurem Erbe ab.“

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Tipps der Polizei

Die betrügerischen Anrufe mit der Enkeltrickmasche und durch falsche Polizeibeamte haben laut Matthias Mänz, dem Pressesprecher des Polizeipräsidiums Nordhessen, in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. 

So sind für Nordhessen und das Jahr 2018 genau 126 Fälle des Enkeltricks registriert, 32 mehr als im Jahr zuvor. Für das laufende Jahr sei bereits ein deutlicher Anstieg erkennbar. Bei den meisten Fällen bleibt es nach Polizeiangaben beim Versuch, weil die Betroffenen richtig handeln und das Gespräch sofort beenden würden. Allerdings sei die Dunkelziffer in diesem Bereich groß – wegen des erhöhten Schamgefühls der Opfer.

Die Polizei hat Tipps und Hinweise zum Schutz vor Betrügern am Telefon zusammengestellt: 

  • Sprechen Sie mit Angehörigen, die Opfer werden könnten, über diese Betrugsmaschen. 
  • Die Polizei erfragt am Telefon keine Details zu Kontodaten oder Wertgegenständen im Haus. 
  • Geben Sie am Telefon keine Details zu Ihren finanziellen oder familiären Verhältnissen preis. 
  • Lassen Sie sich am Telefon nicht unter Druck setzen. Legen Sie einfach auf. 
  • Informieren Sie sofort die Polizei über die 110, wenn Ihnen ein Anruf verdächtig vorkommt.  
  • Wenn Sie Opfer geworden sind: Wenden Sie sich an die Polizei und erstatten Sie Anzeige. 
  • Rufen Sie beim geringsten Zweifel bei der Behörde an, von der die angebliche Amtsperson kommt. 
  • Übergeben Sie niemals Geld an unbekannte Personen.

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