Video sorgt für Schlagzeilen

Schock-Video aus Kassel: Sanitäter schlägt fixierten Mann – Jetzt sprechen seine Ex-Kollegen

Der Fall sorgte für Aufsehen: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen 44-jährigen Rettungssanitäter, der beim ASB in Kassel beschäftigt war, weil er einen fixierten Patienten im Einsatz geschlagen haben soll.
+
Der Fall sorgte für Aufsehen: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen 44-jährigen Rettungssanitäter, der beim ASB in Kassel beschäftigt war, weil er einen fixierten Patienten im Einsatz geschlagen haben soll.

Ein Video aus Kassel zeigt, wie ein Sanitäter einen fixierten Mann schlägt. Nun äußern sich ehemalige Kollegen zu dem Vorfall.

Kassel – Ein Video sorgte jüngst für Schlagzeilen. Darauf zu sehen ist ein Sanitäter, der einen fixierten Patienten in einer Flüchtlingsunterkunft in Kassel schlägt, in Gegenwart zweier Polizisten. Zwei frühere Kollegen des Sanitäters haben sich jetzt zu Wort gemeldet.

Holger Gerke ist in den vergangenen Wochen wiederholt von Nachbarn und Bekannten auf den Vorfall mit dem Rettungssanitäter angesprochen worden. Die Leute wollten von dem 65-Jährigen erfahren, was er über die Vorwürfe gegenüber dem Sanitäter denkt. Gerke hat nämlich bis zum Eintritt in den Ruhestand vor etwa zwei Jahren selbst beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) in Kassel als Rettungsassistent gearbeitet. Mehr als 40 Jahre lang.

Gerke kennt den Rettungssanitäter auch, der Mitte März in die Schlagzeilen geraten ist, weil er einen Patienten während eines Einsatzes in einer Flüchtlingsunterkunft am Platz der Deutschen Einheit angeblich gegen den Kopf geschlagen haben soll. „Wir sind mal zusammen auf dem Auto gewesen. Ich kenne ihn aber nur als sachlichen und ruhigen Kollegen“, so der 65-Jährige.

Vorfall in Kassel: Schock-Video sorgt für Schlagzeilen

Natürlich habe er sich das Video mit dem Vorfall, das die Bild-Zeitung veröffentlicht hat, angesehen, sagt Gerke. „Meiner Meinung nach hat der Sanitäter nicht gezielt auf den Kopf des Patienten, sondern auf das Kopfteil der Trage geschlagen. Wenn er den Kopf getroffen hätte, dann wäre das Tragelaken nicht nach oben geflogen“, sagt Gerke.

Er vertritt die Ansicht, dass es natürlich nicht richtig gewesen ist, was in der besagten Nacht vorgefallen ist. Der Kollege hätte auch nicht gegen das Kopfteil schlagen dürfen. „Da muss etwas vorgefallen sein, das ihn aus der Reserve gelockt hat“, sagt Gerke.

Wenn man im Rettungsdienst arbeite, dann müsse man schon psychisch und physisch belastbar sein, sagt der 65-Jährige, der im Laufe seines Berufslebens viel Leid gesehen hat. Gerke vertritt allerdings nicht die Ansicht, dass die Gewalt gegenüber Sanitätern in den vergangenen Jahren massiv zugenommen habe. Dass er und seine Kollegen angegangen würden, sei auch früher vorgekommen.

Kollege findet Entlassung des Sanitäters aus Kassel „übereilt“

Er berichtet von einem Einsatz, der vor etwa 30 Jahren passiert ist. Damals war er mit einem Notarzt in Vellmar unterwegs und sie wollten einen Mann reanimieren. Nachdem die Wiederbelebung 45 Minuten ohne Erfolg gewesen sei, habe man aufgegeben. Daraufhin sei der Sohn des Patienten ausgerastet und habe ihn und den Arzt gegen eine Wand geschubst. Der Mann habe auch auf seine Brille geschlagen, so Gerke. Zudem habe er dem Rettungsteam damit gedroht, dass er alle totschlage, wenn er erfahre, dass die Retter nicht alles für seinen Vater getan hätten.

Trotz solcher Vorkommnisse im Dienst dürften Rettungssanitäter nicht zurückgeschlagen, sagt Gerke. Allerdings findet er es übertrieben, dass der 44-jährige Kollege nach dem Vorfall sofort entlassen wurde. „Das war übereilt. Der Chef hätte ihn erst mal beurlauben können. Genug Überstunden haben alle.“ Dann hätte in Ruhe geklärt werden können, was tatsächlich bei dem Einsatz passiert ist.

Ehemaliger Mitarbeiter des ASB Kassel von Patient angegriffen

Der betroffene Kollege habe ja nach seiner Kündigung in Kassel einen neuen Job in Hann. Münden gefunden. Allerdings sei der Vertrag aufgelöst worden, nachdem das Video veröffentlicht worden sei. „Das ist eine Vorverurteilung“, so Gerke.

„Mein Therapeut in der Rehabilitation hat gesagt, hättest Du Dich gewehrt, könntest Du heute noch arbeiten“, sagt ein früherer Mitarbeiter des ASB Kassel. Bis zu einem Vorfall im Jahr 2009 hat der Mann, der anonym bleiben möchte, beim ASB über 20 Jahre gearbeitet. „Nach einem Arbeitsunfall wurde ich dann verrentet.“ Der Arbeitsunfall war ein Angriff eines drogenabhängigen Patienten im Rettungswagen. Der Patient habe stark geblutet, weil er eine Arterienverletzung hatte. Der Patient habe gespuckt, getreten und um sich geschlagen, sagt der ehemalige Sanitäter. Das Blut sei auch an eine Schürfwunde gekommen, die er am Unterschenkel hatte.

Er habe damals große Angst gehabt, dass er sich mit einer gefährlichen Krankheit bei dem Patienten angesteckt haben könne, weil dieser ja drogenabhängig war. Nach der Attacke im Rettungswagen habe er unter Schlafstörungen und Albträumen gelitten. In der Folge machte der Mann eine Reha. Dort seien die Therapeuten zu dem Ergebnis gekommen, er solle nicht mehr im aktiven Dienst des ASB arbeiten, sondern sich wegen seiner psychischen Probleme in den Innendienst versetzen lassen, erzählt der Mann.

Kassel: Angriffe auf Sanitäter keine Seltenheit - „Das passiert jede Woche“

Doch da habe die Führungsebene des ASB nicht mitgemacht. Es gebe keine Umbesetzung, da könnte ja jeder kommen, habe man zu ihm gesagt. Es sei dann in der Folge auch zu arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen bis zum Landesarbeitsgericht gekommen, sagt der Mann. Er habe sich damals von seinem Arbeitgeber im Stich gelassen gefühlt. Es habe auch keine Schulungen gegeben, wie man auf Angriffe von Patienten reagieren soll, um solche Situationen zu entschärfen.

Der Mann erzählt, dass es schon vor mehr als zehn Jahren regelmäßig gewaltsame Übergriffe und Spuckattacken auf Rettungsdienstpersonal gegeben habe. „Das passiert jede Woche. Wenn Du in die Situation kommst, musst Du Dich fragen, ob Du Dich wehrst oder nicht.“ Er habe sich damals nicht gewehrt.

Sie wollen wissen, was in der Region Kassel los ist? Dann abonnieren Sie unseren neuen kostenlosen Newsletter.

Vorfall in Kassel sei Affekthandlung gewesen

Dass sich im November der 44-jährige Kollege mit einem Schlag gegen den spuckenden Patienten gewehrt habe, das sei eine Affekthandlung gewesen, die er nachvollziehen könne, sagt der Mann. Außenstehende könnten sich nur schwer vorstellen, wie es sei, wenn man von Patienten vollgespuckt werde. „Irgendwann ist das nur noch ekelhaft.“ Er findet es ungerecht, dass dem Kollegen sofort gekündigt worden ist. „Man hätte ihn zunächst freistellen können, bis alles geklärt ist. Hier ist alles auf einen Schlag reduziert worden.“

Der ehemalige Rettungssanitäter geht davon aus, dass sich auch andere Kollegen regelmäßig gegen Angreifer wehren. „Es passiert jede Woche, dass zurückgeschlagen wird. Doch es kommt eigentlich nie zu einer Anzeige, weil der Rettungsassistent sich ja nur gegen die Angreifer gewehrt hat.“ Der Mann sagt, dass es den meisten Rettungsassistenten egal sei, welche Herkunft, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung ein Patient hat. „Für meine Kollegen zählt nur der Mensch.“ (Ulrike Pflüger-Scherb)

Nachdem das besagte Video aus Kassel aufgetaucht ist, in dem ein Sanitäter einen fixierten Mann geschlagen hat, äußerte sich auch die Polizei zu solchen Einsätzen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.