Tipps von Profis des Vereins Respekt: So bleibt man trotz Provokation entspannt

„Ich war halt das Alphatier“: Wie aggressive Mädchen in Kassel lernen, ruhig zu bleiben

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„Mit Gewalt wollen sich Jugendliche stark und mächtig fühlen“: Die Gründerin des Vereins Respekt, Christiane Grysczyk, erklärt, warum Mädchen und Jungs aggressiv werden - und was sie dagegen tun können.

Anna wirft mit einer Schere, Yasemin schlägt zu. Gewalt ist bei Mädchen zwar seltener als bei Jungs – und doch gibt es sie, die aggressiven Mädchen. Wir haben mit jungen Frauen gesprochen, die den Kampf gegen die eigene Aggressivität gewonnen haben.

Ihr Bruder stand im Türrahmen des Kinderzimmers, als Anna auf ihn zielte. „Vorher hatte ich ihn angeschrien und Stifte nach ihm geworfen. Ich wollte, dass er geht“, erzählt sie. In ihrer Wut bemerkte die damals 13-Jährige nicht, dass sich der Bruder gerade schon umdrehte, um die Tür zu schließen. Plötzlich hatte sie eine Schere in der Hand. Sie holte aus und warf sie durch die Luft.

Anna Maier (Name von der Redaktion geändert) ist mittlerweile 17 Jahre alt. Heute sitzt sie im Kasseler Stadtteil Mitte vor den Türen des Vereins Respekt und fasst sich an die enge Halskette. „In der Tür ist jetzt ein Loch“, erzählt sie. Darüber, dass ihr Bruder den Raum rechtzeitig verlassen hat, ist sie noch immer froh. Damals habe es ihr sofort leid getan. „Ich dachte: Scheiße, was hast du gerade gemacht?“ In diesem Moment habe sie sich entschieden, etwas zu ändern.

Heute ist Anna Maier (Name von der Redaktion geändert) Co-Trainerin bei Respekt. 

Seit 10 Jahren hilft der Verein Respekt Jugendlichen wie Anna: Er bietet Konflikt-Kompetenz- sowie Antiaggressivitäts-Training an. Jugendliche Straftäter werden zur Teilnahme verurteilt – außerdem können sich interessierte junge Leute wie Anna selbst zu Kursen anmelden. Sie lernen, besser mit ihren Aggressionen umzugehen. 

„Mit Gewalt wollen sich Jugendliche stark und mächtig fühlen“, erklärt Christiane Grysczyk, unter anderem Sozialpädagogin, Sozialarbeiterin und Gründerin des Vereins. Dahinter stecken oft aber ganz andere Gefühle: Angst beispielsweise. Wer sich klein und hilflos fühle, möchte das ausgleichen. „Gewalt ist auch eine Angstabwehr“, sagt Grysczyk. Und: Sie werde erlernt. Habe dieser Weg einmal funktioniert, werde man ihn wieder gehen. Im Training lernen die Jugendlichen andere Wege kennen, mit ihren Gefühlen umzugehen.

Die meisten der Teilnehmer sind Jungs. „Für Mädchen ist es weniger akzeptiert, gewalttätig zu sein. Sie werden häufig dazu erzogen, ihre Gefühle anders zu regulieren“, sagt Grysczyk. Dennoch gibt es sie, die gewalttätigen Mädchen: Von den 3.247 jugendlichen Straftätern, die 2016 in Hessen verurteilten wurden, waren fast 12 Prozent weiblich – also 379 Jugendliche. In Kassel liegt der Anteil mit 18 Prozent höher: 25 von 138 Jugendlichen waren es hier. „Gewalt ist auch für Mädchen eine Möglichkeit, sich in der Gesellschaft zu behaupten“, sagt Grysczyk. Am Training in Kassel nehmen immer wieder auch Mädchen und junge Frauen teil.

Zwischen der Gewaltbereitschaft von Jungs und Mädchen gebe es keinen Unterschied: Die Ursachen seien gleich, beide Gruppen handelten aus dem Affekt. Bei Mädchen gebe es wie bei den Jungs Schlägereien. Sie schubsten einander, stellten sich ein Bein, fackelten der anderen die Haare ab. Wenn sich Yasemin Kocaman, heute 25 Jahre alt und eine der Trainerinnen bei Respekt, an ihre Schulzeit zurückerinnert, sagt sie „O Gott, wie das klingt!“ Einmal habe sie ein Mädchen mit der Faust geschlagen. „Sie hatte es sich erlaubt, eine Milchdose nach mir zu werfen.“

"Ich war halt einfach das Alphatier": Yasemin Kocaman provozierte früher gern Stress. Heute hilft sie Jugendlichen dabei, besser mit ihren Aggressionen umzugehen.

Kocaman war 15 Jahre alt und wollte auf keinen Fall Opfer sein. Wie sich das anfühlte, wusste sie genau. Wegen ihrer Locken war sie in der Grundschule oft gehänselt worden. Doch in der Förderstufe sollte sich das ändern. Die Klassenkameraden wechselten – und gleichzeitig wechselte Kocaman die Rollen.

„Ich war halt einfach das Alphatier“, sagt sie heute. Um Anführerin zu bleiben, provozierte sie Stress – gemeinsam mit der Clique. „Wir waren die mit den Jogginghosen und den Dutts, wir sind rumgelaufen und haben uns Opfer gesucht.“ Wen es traf, der wurde provoziert. „Du bist ein Flittchen.“ Der wurde beleidigt, rumgeschubst, mit Milch bekleckert. „Wir haben auch Lügen erfunden, erzählt, sie sei eine Schlampe.“ Noch stärker als den Faustschlag bereue sie aber das, was sie zu einem Mädchen gesagt habe: „Guck dich mal an, wie soll man dich lieben?“ Dass das Mädchen in einem Heim lebte und sich seit langem ungeliebt fühlte, erfuhr Kocaman erst, nachdem das Mädchen sich den ganzen Arm aufgeritzt hatte.

Wer aussteigen will aus dem Kreislauf von Mobbing und Gewalt, muss nicht nur sich selbst ändern, sondern auch den Freundeskreis, sagt Grysczyk. Vor allem für jugendliche Straftäter sei es wichtig, das Umfeld komplett zu wechseln. „Man sollte sich bewusst mit anderen verabreden.“ Es könne auch helfen, ein neues Hobby anzufangen. Gewalttätige Jugendliche seien ein hohes Adrenalinlevel gewöhnt. Sie brauchen immer wieder einen neuen Kick. Den können sie sich beispielsweise bei der Freiwilligen Feuerwehr, bei Risiko- oder Kampfsportarten holen.

Sie hat den Verein Respekt gegründet: Christiane Grysczyk (links) bringt Mädchen wie Anna Maier bei, auch in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben.

Kocaman wollte nicht, dass ihre Freunde von ihren Gewissensbissen wussten: Heimlich ist sie zu dem Mädchen mit dem aufgeritzten Arm gegangen. Sobald es ganz allein auf dem Schulhof saß, habe sich Kocaman entschuldigt und versucht, sich zu erklären. „Ich habe gesagt, dass ich nur Angst hab, selbst Opfer zu werden. Dass ich nur deswegen vor meinen Leuten auf cool mache.“ Von diesem Tag an drückte ihr Kocaman auf dem Schulhof zwar weiterhin böse Sprüche rein, danach zwinkerte sie dem Mädchen aber zu – heimlich. Diese andere Seite der 15-Jährigen, die, die zwinkerte und sich entschuldigte, sollten ihre Freundinnen nicht sehen.

Heute sieht sie jeder. Die anderen sagen zu ihr: „Was ist los? Du bist eine Pussy geworden!“ Kocaman lacht. Schuld sei der Verein Respekt. „Das Training hat so viel verändert.“ 

Heute würde Kocaman nicht mehr zuschlagen, sie würde niemanden mehr Schlampe nennen, und wenn jemand zu ihr sagt: „Du bist eine fette Sau“, dann atmet sie tief durch, sagt einfach „Stimmt“ oder "Stimmt nicht" – und dreht sich weg. Auch Anna wirft nicht mehr mit Scheren. Noch vor wenigen Jahren war sie so wütend, dass sie ihre Mutter anschrie so laut sie konnte, dass sie ihrem Vater den Arm blutig biss. „Leider“, sagt sie heute. Anna ist ruhiger geworden.

Es sei wichtig, den Augenkontakt zu brechen und sich wegzudrehen. Man sollte durchatmen und den Raum verlassen, wenn man richtig wütend werde, erklärt Kocaman. Sobald man die andere nicht mehr sehe, würden auch die Aggressionen kleiner. „Das ist wie bei einer Wippe“, sagt Anna. In ihrer Hand hält sie ein kleines Holzmodell und macht es vor: Sobald eine die andere provoziere, steige sie auf die Wippe. Sie wolle den Gegenüber hochschaukeln – doch wenn die andere sich provozieren lasse, wippe sie mit. Eine Provokation folge auf die nächste. Wichtig sei es, gar nicht erst auf die Wippe aufzusteigen.

Wichtig ist, nicht auf die Wippe aufzusteigen: Im Training zeigen Anna Maier und andere Trainerinnen sowie Co-Trainerinnen, wie man in brenzligen Situationen reagieren sollte.

Bilder wie diese sind es, die Anna Maier und Yasemin Kocaman im Alltag weitergebracht haben. Bilder und Übungen. „Da gab es so viele.“ An den Besuch eines Dunkelmuseums in Frankfurt erinnern sie sich gut. Hier haben sie gelernt, sich helfen zu lassen und einander zu vertrauen. Im Hochseilgarten wurde die Teamarbeit gestärkt. Und bei schwierigen Übungen wie der „Mauer“ oder der „Insel“ lernten sie sich selbst besser kennen. Wenn alle versuchen müssen, über eine Wand aus Stühlen zu klettern oder ein Bettlaken zu wenden, auf dem die Gruppe steht, rutschen die Teilnehmer schnell in alte Verhaltensmuster ab: Sie schieben einander die Schuld zu, werden aggressiv, wenn es nicht sofort klappt. Die anschließende Reflexion helfe, das eigene Verhalten einzuschätzen – und zu verändern.

Durch Respekt habe Kocaman gelernt, sich selbst zu reflektieren. „Schon dadurch wird man viel ruhiger“, sagt sie. Und: Man verstehe den anderen besser. Für Anna ist sie mittlerweile ein Vorbild geworden, seit acht Jahren leitet sie selbst Kurse bei Respekt. Anna ist Co-Trainerin geworden. Aggressiv wird sie nur noch, wenn jemand ihre beste Freundin beleidigt. Oder wenn ihre Mutter sie wegen der Hausaufgaben nervt. Aber mit ihrer Wut kann sie mittlerweile gut umgehen. Ihren Bruder hat sie schon lange nicht mehr beworfen. Heute fährt er sie sogar freiwillig ins Kino – und Anna schenkt ihm dafür Schokorosinen. „Er wird immer mein Bruder bleiben.“ Sie fasst sich an die eng anliegende Halskette und lächelt.

Kontakt zum Verein

Tipps von Christiane Grysczyk: Was tun, wenn ich aggressiv werde?

  • Atme tief durch den Bauch, das senkt den Stresslevel. Stell dir vor, du gibst deine Aggressionen ab. 
  • Frage dich, was dich aggressiv macht. 
  • Wenn es eine Person ist: Entziehe ihr das Recht, über dich zu bestimmen.

Was tun, wenn mich jemand provoziert?

  • Ignoriere nur die Provokationen, die dich nicht persönlich betreffen. Begegne den anderen. 
  • Bleibe in deinem eigenen Drehbuch. Wenn dich jemand provoziert, will er dir die Opferrolle zuschreiben – die hast du aber nicht. 
  • Trainiere deine Schlagfertigkeit: Reflektiere die schwierigen Situationen, in denen du dich befunden hast, und überlege dir im Nachhinein, was du hättest antworten sollen. Beim nächsten Mal bist du gewappnet.

Was tun, wenn ich Zeuge einer Provokation oder einer Gewalttat werde?

  • Vermeide Superheldeneinsätze. Beziehe stattdessen andere mit ein und mache laut auf dich aufmerksam. 
  • Informiere die Polizei.

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