200 Besucher auf Spurensuche nach Grimm-Wohnung

Enttäuschung in Lottes guter Stube

Bilder statt Wohnungsambiente: Liliya Shteynberh (von links), Claudia Walther, Eva Maria Frey mit Tochter Pauline und Brigitte Zieren aus Kassel mussten mit Schautafeln vorliebnehmen. Foto: Dilling

Kassel. Wohl an die 50 Besucher drängen sich am Samstagvormittag im großen Sitzungssaal des Verwaltungsgerichtshofs (VGH) in der nördlichen Torwache an der Wilhelmshöher Allee. Sie stehen vor den Richtertischen, an denen alltags über die Wirksamkeit von Bebauungsplänen gestritten wird, und begutachten das eher dröge, schmucklose Beratungszimmer. Schwer vorstellbar, dass hier einmal die berühmten Dichterbrüder Jacob und Wilhelm Grimm gewohnt haben.

Doch gerade aus diesem Grund waren die vielen Neugierigen - am Ende werden es rund 200 sein - auf Einladung des Regionalmanagements Kassel gekommen: Sie wollten einen Eindruck davon gewinnen, wie Kassels weltbekannte Märchensammler zwischen 1814 und 1822 dort gelebt haben. Doch nur die Form der Fenster und ein paar historische Darstellungen an den Wänden des Gerichtssaals erinnern an grimmsche Zeiten. Dabei war der Gerichtssaal einmal Wilhelm Grimms Schwester Lottes gute Stube. Hier genoss sie den Blick auf die Altstadt.

Pierre Schlosser, Koordinator der vom Regionalmanagement initiierten Aktion Grimm-Heimat, die die Dichterbrüder zur regionalen Marke ausbauen will, ist vom Besucherandrang sichtlich überrascht. Die Infoblätter mit dem Grundriss der Grimm-Wohnung und Details zu den privaten Gewohnheiten der Grimms sind schnell vergriffen. Schlosser muss Neugierige vertrösten.

Im Krieg ausgebrannt

Claudia Walther, Eva Maria Frey und ihre Tochter Pauline, die am Wilhelmsgymnasium den Geschichtsleistungskurs belegt und die Grimms schon im Unterricht durchgenommen hat, sind ein wenig enttäuscht, dass es nicht mehr zu sehen gibt. Und sie haben recht: Zwar ist die Grimm-Wohnung im Krieg ausgebrannt. Doch es sind noch eine Vielzahl von Einrichtungsgegenständen aus jener Zeit erhalten. Die Wohnung sollte man doch in der Torwache einfach nachbauen, sagt Frey. Für Touristen werde das sicher eine Attraktion. Auch das Grimm-Denkmal vor dem VGH könne man sicher besser in den Blick von Kassel-Besuchern rücken, sagt sie.

Alle drei Monate

Schlosser hat angesichts der großen Resonanz am Wochenende jetzt auch die Bedeutung der Torwache erkannt. Alle Vierteljahre solle es dort künftig eine Veranstaltung, beispielsweise eine Lesung, geben. Es könnten dann auch einmal Utensilien aus dem Haushalt der Grimms präsentiert werden.

Das Interesse an Jacob und Wilhelm Grimm setzte sich am Wochenende fort: Am Abend kamen 60 Zuhörer zu einem Vortrag von Dr. Bernhard Lauer, dem Leiter des Kasseler Grimm-Museums, über die Märchenerzählerin Dorothea Viehmann. Zudem hätten 100 Gäste gestern an einem geführten Stadtrundgang auf den Spuren der Grimms teilgenommen, sagte Schlosser.

Von Peter Dilling

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