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Mijatovic pendelt zwischen den Welten

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Von: Florian Hagemann

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Auch in Berlin hat er den Herkules im Hintergrund: Boris Mijatovic, seit einem Jahr Bundestagsabgeordneter, in seinem Büro, das sich Unter den Linden befindet.
Auch in Berlin hat er den Herkules im Hintergrund: Boris Mijatovic, seit einem Jahr Bundestagsabgeordneter, in seinem Büro, das sich Unter den Linden befindet. © Florian HageMANN

Was machen die Kasseler Bundestagsabgeordneten eigentlich in Berlin? Wir stellen sie und ihre Arbeit vor. Zu Besuch in der Hauptstadt – heute beim Grünen Boris Mijatovic.

Berlin – Boris Mijatovic ist erst in der Nacht zuvor aus Serbien zurückgekommen, davor war er in Lausanne und Genf, jetzt liegen zwei Parlamentswochen in Berlin vor ihm. Danach geht es weiter. Ob er sich schon fühlt wie in einem Hamsterrad? „Nein“, antwortet der 48-Jährige. „Ein Hamsterrad wäre es, wenn die Energie verpuffen würde.“ Aber Mijatovic nimmt aus jedem Termin etwas mit – und sei es eine Visitenkarte. Der Stapel türmt sich immer weiter auf. Ein Politiker lebt davon, ein gutes Netzwerk ist das A und O.

Ansonsten ist Energie ein gutes Stichwort bei Boris Mijatovic. Seit einem Jahr nun sitzt der Kasseler Abgeordnete im Deutschen Bundestag; er kam über die Landesliste der Grünen nach Berlin. Aber wenn er mit einer seiner Referentinnen seine Reise nach Lausanne und Genf nachbespricht, dann entsteht der Eindruck, als sei Mijatovic schon ewig dabei.

Er spricht über Institutionen, Verbände, Organisationen, die fast alle irgendeine Abkürzung haben. Er spricht über Länder und Menschen, die er kennengelernt hat und die vielleicht irgendwann wichtig werden könnten für seine weitere Arbeit.

Mijatovics Hauptthema sind die Menschenrechte – seit jeher. „Ich bin damit seit meinem Studium befasst. Das ist mein Antrieb.“ Nach dem Abitur an der Jacob-Grimm-Schule und dem Politikstudium in Kassel hat er ein Praktikum beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag absolviert, freie Mitarbeit in Projekten des Internationalen Strafrechts und der Kriegsopferforschung schlossen sich an.

Nun ist er Sprecher für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe der Grünen im Bundestag. Er hat seine Berufung gefunden, sitzt im Ausschuss für Angelegenheiten der Europäischen Union und ist dort zuständig für deren Erweiterung. Als stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss befasst er sich mit Fragen rund um den Balkan. Zudem ist er für den internationalen Sport zuständig. Er kommt rum: mal als Wahlbeobachter, mal als Unterstützer diverser Gruppen vor Ort, die für Menschenrechte in ihrem Land kämpfen. Nach den zwei Plenarwochen wird er wieder unterwegs sein: diesmal in Sarajevo, Wahlbeobachtung in Bosnien-Herzegowina.

Mijatovic ist längst in die zeitlichen Fänge eines Abgeordneten geraten, sein Terminkalender ist durchgetaktet. Er sitzt jetzt in seinem Büro im Otto-Wels-Haus, das sich Unter den Linden befindet, zu Hemd und Jeans trägt er Jackett. In seinem Schrank hängt ein Ersatzhemd für den Notfall. Aber ganz hat er den Boris Mijatovic aus Zeiten, in denen er Kasseler Stadtverordneter gewesen ist, nicht abgelegt: Ein Kapuzenpulli liegt auf dem kleinen Sofa in seinem Büro – quasi als Beweis. Das Lockere darf eben nicht zu kurz kommen.

Dazu passt, dass er beim FC Bundestag Fußball spielt – Torwart. Kürzlich ist es vorgekommen, dass er zwischen zwei Terminen ein Spiel hatte: raus aus dem Anzug, rein in die Sportklamotten, raus aus den Sportklamotten, rein in den Anzug. So läuft es. Mijatovic – der Pendler zwischen cool und geschäftig, der Pendler zwischen großer Politik in Berlin und seiner politischen Heimat in Kassel.

In Berlin wohnt er in einer Wohngemeinschaft, aber auch das Büro ist nicht unpersönlich. Es ist bestückt mit viel Kassel: Der Herkules findet sich da natürlich wieder, ebenso wie ein Windrad von Dynamo Windrad und ein Wimpel vom KSV Hessen, seinen Kasseler Vereinen, die auf dem Schreibtisch auf eine Tasse und eine Schneekugel des 1. FC Köln treffen. Auch beim Fußball schlägt Mijatovic die Brücke zwischen kleiner und größer. Er hat ein Herz für das Bodenständige, die weite Welt lockt aber schon auch ein bisschen. Er wirkt zumindest nicht wie ein Fremdkörper in Berlin, die Weisheiten zum Betrieb hat er sowieso parat.

Er streut sie ganz gern mal ein: „Wer Politik wegen des Geldes macht, hat beides nicht verstanden“, sagt er an der einen Stelle. Oder: „Glück ist: Vorbereitung trifft Gelegenheit.“

Das könnte auch auf ihn und seine Arbeit zutreffen. Hat er nun seinen Traumjob? Er sagt es so nicht, er sagt lieber: „Mein Traumjob wäre Platzwart beim 1. FC Köln im schönsten Stadion der Welt.“ (Florian Hagemann)

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