Sein Mittagstisch war ein beliebter Treffpunkt

Trauer um Gastronom Thomas Rähmer: Zentralbar war für viele ein Zuhause

Gastronom und Unikum: Thomas Rähmer vor neun Jahren in seiner Zentralbar hinter der Komödie. Nun starb er mit 64 Jahren.
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Gastronom und Unikum: Thomas Rähmer vor neun Jahren in seiner Zentralbar hinter der Komödie. Nun starb er mit 64 Jahren.

Thomas Rähmer kam aus Berlin nach Kassel und machte sich hier einen Namen als Gastronom. Seine Zentralbar war für viele einzigartig. Nun ist er gestorben.

Kassel – Wer zu Thomas Rähmer ging, kam immer auch ein bisschen nach Hause. Der Zahnarzt Rüdiger Utech war einer der Stammgäste in Rähmers Zentralbar hinter der Komödie und sagt: „Für viele war das wie ein Wohnzimmer.“ Zum beliebten Mittagstisch kamen Menschen, die die gute Küche und die politischen Diskussionen mit dem scharfzüngigen Gastgeber schätzten. „Thomas war ein Unikum“, findet die Rechtsanwältin Katharina Heinecke. Und Stammgast Hans Grüttner sagt: „Hier wurde jeden Tag die Welt gerettet.“

Sie alle haben nun ihr Zuhause und einen einzigartigen Menschen verloren, wie sie sagen. Rähmer starb am 5. November plötzlich und unerwartet mit 64 Jahren. 2022 hätte der Betreiber mit seiner Zentralbar das 30-jährige Bestehen gefeiert.

Erste gastronomische Erfahrungen hatte Rähmer bereits in seiner Heimatstadt Wolfsburg gemacht, wo er in einem von Jugendlichen selbstverwalteten Bistro der Evangelischen Kirche jobbte. Nach einer Ausbildung bei den Stadtwerken zog er nach Berlin. In Kreuzberg eröffnete Rähmer seine erste Bar.

Mitte der 1980er-Jahre kam er nach Kassel und betrieb mit Partnern das Postillion am Brüder-Grimm-Platz. Mit der Studentenkneipe machte er sich in der neuen Stadt als Wirt schnell einen Namen. Wer damals studierte, den traf man irgendwann an der Theke im Postillion. Wobei es nicht leicht war, es bis dorthin zu schaffen – so voll war der Laden meist.

1992 erfüllte sich Rähmer mit der Zentralbar seinen Traum. Es war ein documenta-Sommer, und für Catherine David, Leiterin der Weltkunstschau, wurde Rähmers Laden ebenfalls zu einem Wohnzimmer. Regelmäßig empfing die Französin hier Gäste und diskutierte mit ihnen. Auch ein „Stern“-Reporter schrieb beeindruckt darüber.

Es ist gar nicht so einfach zu sagen, was die Mischung aus Restaurant, Bistro und Bar mit der langen Theke so einzigartig machte. Einige sagen, hier habe es die besten Salate der Stadt gegeben, andere liebten die Schnitzel. Aber eigentlich war es Thomas Rähmer, der die Zentralbar zu einem besonderen Ort machte. „Er wollte, dass die Gäste satt und glücklich aus dem Laden gehen. Hochwertige Produkte waren ihm wichtig, ohne daraus eine große Sache zu machen“, sagt seine Tochter Rosa Behrends.

Die Gastronomie ist ein zeitraubender Beruf. Rähmer, der nie verheiratet war, schaffte es jedoch immer wieder, Zeit für seine Familie zu finden. Sonntags lud er sie zum Essen – nicht in die Zentralbar, sondern in sein Zuhause auf der Marbachshöhe. Er entdeckte das grüne Kassel, das längst zur Heimat geworden war, reiste an die Ostsee oder zu den Heimspielen des Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg, für die er eine Dauerkarte hatte.

Oft hatte Rähmer eine eigene Meinung, die nicht jedem gefiel. Nach der Einführung des Rauchverbots machte er aus der Zentralbar kurzzeitig eine Rauchergaststätte.

Bei Diskussionen provozierte er gern. Es kam vor, dass Gäste gingen und sagten: „Du siehst mich nie wieder.“ Nächste Woche saßen sie jedoch wieder am Mittagstisch. Sie wussten: So einen Treffpunkt wie die Zentralbar würden sie nicht noch einmal finden.

Auf der Trauerfeier in Wolfsburg verabschiedete sich sein Bruder von ihm mit den Worten: „Thomas war ein Menschenfreund mit einer klaren Haltung und einem weichen Kern.“ (Matthias Lohr)

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