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Ex-Finanzminister Hans Eichel wird 80 und kritisiert Altkanzler Schröder

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Von: Matthias Lohr

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Mann des Geldes: 2002 präsentierte Hans Eichel die ersten Euro-Scheine.
Mann des Geldes: 2002 präsentierte Hans Eichel die ersten Euro-Scheine. © dpa

Als Bundesfinanzminister war Hans Eichel für seinen rigiden Sparkurs berüchtigt. An Heiligabend wird der Kasseler SPD-Politiker 80. Im HNA-Interview kritisiert er Ex-Kanzler Schröder.

Kassel – Als Hans Eichel ein Kind war, hatte ein befreundetes Paar seiner Eltern Mitleid mit dem Jungen, der am 24. Dezember 1941 geboren wurde. „Der Arme“, sagten die Freunde: Wer an Heiligabend Geburtstag hat, „wird immer weniger Geburtstagsgeschenke bekommen als andere Kinder“. Seinen ungewöhnlichen Geburtstag hat Eichel aber nie als Nachteil empfunden. Über fehlende Geschenke „konnte ich mich nie beschweren“, sagte er der HNA anlässlich seines 80. Geburtstags an Heiligabend.

Auch das Amt, das den Kasseler zu einem der bekanntesten deutschen Politiker machte, hat mit Geschenken zu tun. Unter Bundeskanzler Gerhard Schröder war der Sozialdemokrat von 1999 bis 2005 Finanzminister. „Das ist extreme Gesellschaftspolitik“, sagt Eichel über das Amt: „Sie müssen entscheiden, wem sie das Geld geben und wem sie es wegnehmen.“

Wegen seiner rigiden Sparpolitik nannte die Öffentlichkeit ihn damals gern den „Eisernen Hans“, was nicht unbedingt positiv klang. Trotzdem nahm er so viel Schulden auf wie kein Finanzminister vor ihm. Fachleute lobten jedoch seine Steuerreform aus dem Sommer 2000. Ein Jahr vorher war Eichel in Berlin Gastgeber, als dort die G 20 gegründet wurden.

Trotz großer Weltpolitik blieb der Architektensohn aus Kirchditmold seiner Heimatstadt immer treu. Eigentlich wollte Eichel ebenfalls Architekt werden, studierte dann aber unter anderem Germanistik und wurde Studienrat am Wilhelmsgymnasium.

In die SPD war er bereits 1964 eingetreten. 1975 wurde er mit nur 33 Jahren jüngster Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Auch die rot-grüne Koalition, die er ab 1981 anführte, war damals ein Novum für eine Großstadt. 16 Jahre blieb er Rathaus-Chef.

Heute schätzt Eichel an dem Amt vor allem, dass in der Kommunalpolitik nicht alles durch die Medien vermittelt wird wie auf Landes- und Bundesebene: „Man hat es unmittelbar mit den Menschen und ihren Problemen zu tun. Wenn Menschen vor dem Rathaus demonstrieren, kann man sich nicht verstecken.“

Als Eichel Oberbürgermeister war, war Kassel eine graue Stadt im Zonenrandgebiet. Nur wenige Male legte er einen ausgeglichenen Haushalt vor. Aber die erst 1971 gegründete Universität wurde „die treibende Kraft für die Entwicklung der Stadt“, wie Eichel sagt. Kassel habe heute „auch dank der Uni ein ganz anderes Selbstbewusstsein“.

Auch als Ministerpräsident schrieb Eichel Geschichte. Seine Regierung war die erste rot-grüne Koalition auf Landesebene, die bei Wahlen bestätigt wurde. Die Niederlage 1999 gegen Roland Koch (CDU) kam überraschend. Doch wenig später wurde Eichel als Nachfolger des freiwillig aus dem Amt geschiedenen Oskar Lafontaine nach Berlin gerufen.

2005 hätte er als Finanzminister gern weitergemacht, doch er musste für Peer Steinbrück Platz machen. Schon im zweiten Schröder-Kabinett ab 2002 hatte er es oft schwer. Heute kritisiert Eichel seinen damaligen Chef Schröder, der vieles an sich riss: „Es ist falsch, des Öfteren Angelegenheiten zur Chefsache zu machen. Da hätte ich mehr Widerstand leisten müssen.“ So rückte der Nordhesse von einem Tag auf den anderen „vom Zentrum der Macht an den kommentierenden Rand – und kommentieren sollte man dann lieber nicht.“

Auch heute hält sich Eichel mit Kommentaren zu seinen Nachfolgern in Berlin zurück. Da ist er ganz Elder Statesman. Vor drei Jahren veröffentlichte er mit anderen Prominenten wie dem Philosophen Jürgen Habermas einen flammenden Appell für einen „neuen Aufbruch für Europa“. Die EU ist sein Herzensthema, zu dem er immer wieder Artikel schreibt. Auch im Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft und in der Friedrich-Ebert-Stiftung ist er aktiv.

Der Vater zweier erwachsener Kinder, der mit seiner zweiten Ehefrau im Vorderen Westen lebt, ist also auch im Ruhestand noch aktiv. Jeden Morgen radelt er mindestens eine Viertelstunde auf dem Hometrainer. Nur Heiligabend wird diesmal anders sein, wie das Geburtstagskind sagt: „Dieses Jahr kann man ja gar nicht feiern. Deshalb werden wir in Berlin sein.“ (Matthias Lohr)

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