In der Jugend ein Ufa-Star, im Alter verarmt: René Olfen schrieb eine Kassel-Hymne und starb vor 20 Jahren

In der Jugend ein Ufa-Star, im Alter verarmt: René Olfen schrieb eine Kassel-Hymne

Kassel. Die Stadt hat ihn vergessen. Umgekehrt konnte René Olfen es nie. Auch nicht auf seinen weltweiten Tourneen, die ihn auch in die ferne Südsee führten.

„Grüß mir die Heimat mit dem Herkules“ heißt seine Sehnsuchts-Hymne an die Fulda-Stadt. 20 Jahre nach dem Tod des Kasseler Musikers, Tänzers, Schauspielers, Dichters und Malers, der in den Vorkriegsjahren auch von der Ufa engagiert wurde, sprachen wir einen der letzten und auch wenigen Menschen, die zu Lebzeiten näher an Olfen herangekommen waren.

Werner Baus (67) erschrak, als er Ende der 60er-Jahre den damals 70-jährigen Mann fand, dessen Kassel-Lied ihm seit Schultagen nicht aus dem Kopf gegangen war. Baus besuchte Olfen, der als Sohn eines Lokführers unter dem bürgerlichen Namen Heinrich Schmidt 1898 in Marburg geboren und in Kassel aufgewachsen war, in einer heruntergekommenen Gartenlaube am nördlichen Stadtrand an der Fiedlerstraße.

„Es war entsetzlich, ihn so zu sehen.“ Werner Baus, Zeitzeuge

Schwelgt in Musik: Werner Baus hört immer noch gern die alte Schellack-Platte mit „Grüß mir die Heimat mit dem Herkules“.

„Es war entsetzlich, ihn so zu sehen. Ich wusste ja, was er alles erreicht hatte“, sagt Baus, der heute in Helsa-Eschenstruth wohnt und dort vor Kurzem ein Musik-, Radio- und Kinomuseum eröffnet hat. Aus dem Künstler Olfen, der 24 Platten aufgenommen, in Filmen wie „Mary Lou“ (1928) mitgespielt und als „bester russischer Sturmwindtänzer der Zeit“ (siehe Plakat) mit einer Ballett-Truppe durch die Welt reiste und einen Kosaken mimte, war ein mittelloser Einsiedler geworden. Seine einzigen Begleiter: zwei Schäferhunde und seine treue Freundin Martha Ritzmann, die ihm über 30 Jahre täglich warmes Essen brachte.

Kurz gesagt, Baus lernte einen Menschen kennen, den Glanz und Glamour verlassen hatten und der sich mit Pfeife und Liegestuhl auf das besann, was er immer schon am liebsten getan hatte: Träumen. Eine Balalaika, mit der Olfen auf vielen Bühnen gespielt hatte, und eine selbstgemalte Südsee-Idylle an der Tapete waren letzte Erinnerungen an die goldenen Zeiten. Letztere waren im Krieg geendet, in dem auch Olfens Schwester im Bombenangriff auf Kassel umkam. Trotz Gesangsstudium und Tanzausbildung blieben große Erfolge nun aus.

Von Bühne in Gartenlaube

Griff noch einmal – unwillig – zur Balalaika: René Olfen nahm 1988, zwei Jahre vor seinem Tod, für eine HNA-Redakteurin das Instrument zur Hand, mit dem er die Welt bereiste. An seine Jugend-Jahre im Starrummel erinnerte er sich im Alter ungern. Fotos: Koch/Archiv, Ludwig

Für Baus, der bis zur Rente als Versicherungskaufmann gearbeitet hatte, war es hart zu sehen, wie ein Starleben in einer Laube endete. Aus dem ersten Treffen entwickelte sich eine zarte Freundschaft. Baus kam immer wieder - 20 Jahre lang. Und er stellte fest, dass die Trauerweiden vor Olfens Baracke täuschten: „Der war nicht unglücklich. Er hat sich in sein Schicksal gefügt: Als junger Mann in Saus und Braus, im Alter arm. Das ist das Künstlerlos“, sagt Baus. Olfen, den die Ufa in den 20ern im Vorprogramm von Charlie Chaplin-Filmen auftreten ließ, nahm dieses Los mit Humor. Auf die Frage, von was er denn lebe, sagte er einmal: „Von den Festen, die ich in meiner Fantasie in Luftschlössern gebe.“

Am 21. Oktober 1990 starb René Olfen. Seitdem erzählt er vermutlich Petrus von der Südsee. Das hatte er sich für seinen Tod vorgenommen.

Von Bastian Ludwig

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