Prof. Bünstorf hinterfragt Theorien zur Wirtschaftskraft von Regionen

Kassel. Nicht allein die Anzahl bestehender Unternehmen einer Branche bringt Regionen wirtschaftlichen Erfolg, sondern vor allem die Gründungsaktivitäten aus diesen Unternehmen heraus.

Das sagt Wirtschaftsprofessor Guido Bünstorf von der Uni Kassel und hinterfragt damit bisherige Ansichten vieler Ökonomen und regionaler Wirtschaftspolitiker. Denn diese setzen seit Jahren darauf, dass dort, wo sich Firmen einer bestimmten Branche konzentrieren, positive Auswirkungen auf die regionale Wirtschaftskraft entstehen.

Mit einem amerikanischen Kollegen hat der 42-jährige Bünstorf die Geschichte der Reifenindustrie in Akron (USA) erforscht. Die Stadt im Bundesstaat Ohio war lange Zeit für Reifen das, was Silicon Valley für Halbleiter ist: die wichtigste Branchenmetropole. 1930 kamen mehr als 40 Prozent der US-Reifenproduktion aus Akron, in der Boomzeit hatten sich fast 100 Unternehmen in und um Akron angesiedelt.

Doch warum wurde ausgerechnet Akron für seine Pneus berühmt? Frühere Untersuchungen sehen die Antwort in der Vernetzung der vorhandenen Reifenhersteller oder im nahe gelegenen Detroit, dem Zentrum der amerikanischen Automobilindustrie. Bünstorf vermutete jedoch andere Gründe. „Ich bin eine Art Schmetterlingsfänger der Volkswirtschaftslehre“, sagt der Forscher und recherchierte akribisch. Er flog in die USA und sammelte über Jahre Daten aus Branchenverzeichnissen, Fachzeitschriften und Handelsberichten.

Nachdem er die Geschichte der Reifenstadt rekonstruiert hatte, kam er zu einem verblüffenden Ergebnis: Akron verdankt seinen Beinamen „Reifenhauptstadt“ nicht etwa der Nähe zu Detroit, sondern drei lokalen Gummiwarenherstellern, aus denen sich Anfang des 20. Jahrhunderts fortwährend neue Unternehmen gegründet haben.

Ausgründungen

Diese Firmenausgründungen waren aber nicht nur verantwortlich für den ökonomischen Erfolg Akrons. Nahezu die komplette US-Autobranche entwickelte sich aus Ausgründungen von anfänglich vier Unternehmen. Silicon-Valley geht ursprünglich sogar auf nur eine Firma zurück.

Egal, in welcher Branche Bünstorf und seine Kollegen vergleichbaren Erfolgen nachgingen, die Bedeutung der Ausgründungen bestätigte sich. „Die besten Firmengründer haben bereits in erfolgreichen Unternehmen gearbeitet und das, was sie ins neue Unternehmen mitbringen - zum Beispiel Arbeitskollegen und Wissen -, ist wichtiger als die örtlichen Gegebenheiten“, resümiert der Volkswirt.

Seine Forschung stellt nicht nur vorherrschende Theorien infrage. „Sie hat auch erhebliche Bedeutung für die regionale Wirtschaftspolitik“, sagt Bünstorf, der für seine Arbeit jüngst mit dem Entrepreneurship-Preis der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität geehrt wurde. Foto: Schaffner

Von Sebastian Schaffner

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