Im Video klingt Hannig wie ein Pegida-Redner

Lübcke-Prozess: Stephan Ernsts Ex-Verteidiger war nur auf Facebook erfolgreich

Zum letzten Mal gemeinsam im Gericht: der Hauptangeklagte Stephan Ernst (links) mit Verteidiger Frank Hannig am Dienstag beim Lesen der Bild-Zeitung.
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Zum letzten Mal gemeinsam im Gericht: der Hauptangeklagte Stephan Ernst (links) mit Verteidiger Frank Hannig am Dienstag beim Lesen der Bild-Zeitung.

Der Lübcke-Prozess sollte Frank Hannig bundesweit bekannt machen. Der Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst inszenierte sich bei Facebook. Nun wurde der Anwalt entlassen. Was bedeutet das für das Verfahren?

Kassel/Frankfurt – Kurz nachdem Frank Hannig den Lübcke-Prozess wahrscheinlich für immer verlassen hat, klingt der bisherige Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst wie ein Pegida-Redner. Für seine Facebook-Seite filmt er sich mit dem Handy in der Nähe des Oberlandesgerichts Frankfurt und wettert gegen den Vorsitzenden Richter Thomas Sagebiel, der ihn entlassen hat.

Dessen Verhalten nennt der Anwalt „absolut unanständig“ und „eine Katastrophe für den Rechtsstaat“. Er wähnt sich in einem „totalitären System, in dem ein Richter von Gottes Gnaden entscheidet“. Und er fragt kryptisch: „Was vertuschen die Hessen den ganzen Tag?“

In dem Prozess, der ihn bundesweit bekannt machen sollte, hat Hannig eine krachende Niederlage erlitten. Ohne es mit seinem Mandanten und dem zweiten Verteidiger Mustafa Kaplan abzusprechen, hat er obskure Anträge gestellt, die die Familie des ermordeten Regierungspräsidenten Walter Lübcke in ein schlechtes Licht rückten.

Auch Experten haben keine Erklärung dafür. „Hannigs Verhalten ist ein eklatanter Vertrauensbruch“, sagt der Kasseler Anwalt für Strafrecht Knuth Pfeiffer. Womöglich war der wichtigste Staatsschutzprozess seit Jahren für den Dresdner eine Nummer zu groß.

In der DDR soll Hannig Stasi-Spitzel gewesen sein. Heute nennen Pegida-Experten den 50-Jährigen „eine wichtige Stütze“ der fremdenfeindlichen Bewegung. In seinen Facebook-Videos, in denen er den Prozess kommentierte, versuchte er sich, als smart zu verkaufen. Wer sich jedoch all die Filmchen angeschaut hat, die Hannig hochgeladen hat, wird erstaunt sein, wie viel jemand reden kann, ohne etwas zu sagen.

Mittlerweile sitzt das ehemalige CDU-Mitglied für die Freien Wähler im Dresdner Stadtrat. Der Schwälmer Europa-Abgeordnete Engin Eroglu, der auch stellvertretende Bundesvorsitzender der Freien Wähler ist, legt jedoch Wert auf die Feststellung: „Hannig ist nicht Mitglied der Freien Wähler.“ Für den Bundesvorstand grenzen sich die Sachsen nicht genug gegenüber Pegida ab.

Stephan Ernst wird nun nicht mehr von einem Mann der rechten Szene vertreten, sondern vom Kölner NSU-Opfer-Anwalt Mustafa Kaplan, dem der Experte Pfeiffer anders als Hannig „eine sachgerechte Arbeit“ bescheinigt. Zweiter Verteidiger wird Kaplans Kollege Jörg Hardies.

Es könnte sein, dass das neue Duo nun eine andere Strategie verfolgt. Nachdem Ernst im Prozess bislang geschwiegen hat, könnte ein schnelles Geständnis strafmildernd wirken. Mit Lebenslang muss der 46-Jährige angesichts der eindeutigen Beweislage ohnehin rechnen.

Weil sich Hardies erst einarbeiten muss, ist Ernsts Verteidigung noch schwieriger geworden. Für Mittwoch ist eine Einlassung des Hauptangeklagten angekündigt. Pfeiffer ist sich jedoch unsicher, ob das Gericht tatsächlich etwas hören wird: „Es wäre legitim, mit der Einlassung zu zögern oder vielleicht gar nichts mehr zu sagen.“ (Matthias Lohr)

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