Auszeichnung

Bundesverdienstkreuz für Arzt aus Kassel - Mediziner engagiert sich im Kinderschutz

Untersuchungszimmer im Klinikum. Bei Verdacht auf sexuellen Kindesmissbrauch benutzt Dr. Bernhard Herrmann ein Kolposkop, eine Art Mikroskop für gynäkologische Untersuchungen. Außerdem kommt Puppe Mathilde zum Einsatz, um Kindern die Angst vor der Untersuchung zu nehmen.
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Bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch kommt bei Dr. Bernhard Herrmann die Puppe Mathilde zum Einsatz, um Kindern die Angst vor der Untersuchung zu nehmen.

Dr. Bernhard Herrmann ist Kinder- und Jugendarzt im Klinikum Kassel. Für sein Engagement für den Kinderschutz in Deutschland erhält der Mediziner das Bundesverdienstkreuz.

Kassel – Seit fast 30 Jahren engagiert sich Dr. Bernhard Herrmann für den Kinderschutz in Deutschland. Er und sein Team kümmern sich um misshandelte Kinder. Dafür erhält der Kasseler Mediziner das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Der 61-Jährige leitet den Bereich Kinderschutz im Klinikum Kassel. Pro Jahr kämen etwa 40 junge Patienten ins Klinikum, die körperlich misshandelt wurden, sagt Herrmann. In bis zu 60 Fällen werden sexuelle Misshandlungen festgestellt.

Wir sprachen mit dem Kinder- und Jugendarzt über ...

die Bedeutung der Auszeichnung:
„Natürlich freue ich mich über die Wertschätzung. Seit fast 30 Jahren habe ich ehrenamtlich den medizinischen Kinderschutz mitentwickelt. Zudem freue ich mich über die Auszeichnung, weil das Thema dadurch mehr Gewicht bekommt. Kinder vor Missbrauch zu schützen, sehe ich als gesellschaftliche Aufgabe. Wir als Mediziner können in Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen einen Teil zur Lösung beitragen.“
Schwierigkeiten bei der Behandlung:
„Manchmal können wir keine Diagnose stellen, weil es keine körperlichen Anzeichen gibt. Wir haben Patienten vom Säuglingsalter bis 18 Jahren, und ich muss gestehen, dass der Job auch an die Nieren geht. Wenn ich misshandelte Kinder behandele, geht mir das nahe. Das darf dich aber in deiner Tätigkeit nicht beeinflussen, sonst ist man nicht mehr objektiv und nicht handlungsfähig. Im Kinderschutz tätig zu sein, erfordert emotionale Stabilität. Der Austausch mit Kollegen in der Kinderschutz-Gruppe hilft dabei sehr. Und ich habe die Gewissheit, dass sich durch mein Engagement etwas positiv in Sachen Kinderschutz und für die Kinder tut. Auch das hilft.“
Fingerspitzengefühl bei der Behandlung:
„Existiert ein Verdacht auf sexuellen Missbrauch, musst du dir Zeit nehmen. Bei meiner Arbeit kommt eine Puppe zum Einsatz, Mathilde. Die wird untersucht. Das Kind assistiert mir. Die Puppe spricht jene Ängste aus, die die Kinder vermutlich haben. Die Kinder wiederum beruhigen die Puppe. Und fast immer kann ich dann am Ende das Kind untersuchen, da ihm die Ängste genommen sind. Aber wir zwingen kein Kind, sich untersuchen zu lassen.“
Abläufe und Vorgehensweise:
„Bei körperlichen Schäden werden die Kinder meistens stationär aufgenommen. Dann trifft sich die Kinderschutz-Gruppe. Die besteht aus Ärzten, Pflegekräften, Sozialarbeitern, Psychologen, Pädagogen. Jeder hat einen anderen Blick auf den Fall. Eine Krankenschwester etwa kann besser erkennen, wie die Mutter, wenn sie zu Besuch kommt, mit dem Kind interagiert. Es gilt das Prinzip, dass verschiedene Berufsgruppen kooperieren.“
die Möglichkeit, Strafanzeige zu stellen:
„Im Grunde gilt noch heute ein Spruch aus den Siebzigern: Hilfe statt Strafe. Oft handelt es sich um überlastete Familien, die eine Hypothek mitbringen, die eigene Erfahrungen mit Misshandlung und Vernachlässigung gemacht haben. Wir telefonieren mit dem Jugendamt, um das weitere Vorgehen zu besprechen. In Einzelfällen informieren wir auch die Polizei. Die Erfahrung lehrt uns aber, dass eine Bestrafung der Eltern oft keine Hilfe fürs Kind ist – und darauf kommt es uns am Ende des Tages an.“
Beweggründe:
„Anfang der 90er-Jahre kam ein Kind mit Verdacht auf sexuellen Missbrauch zur Behandlung. Wir waren ahnungslos, medizinisch hilflos. Es gab kein Konzept, wie vorzugehen ist. Es fehlte medizinische Fachliteratur. Daraufhin habe ich in den USA hospitiert, mich weitergebildet und schließlich versucht, hierzulande für dieses Thema zu sensibilisieren. Seit 2003 etwa findet in Kassel ein bundesweiter Kongress statt. Im selben Jahr entstand hier im Klinikum ein Kinderschutzleitfaden, der 2010 für alle Kliniken in Deutschland veröffentlicht wurde. 2008 wurde in Kassel die DGKiM gegründet, die Deutsche Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin. Damals waren wir 23 Leute, heute haben wir fast 700 Mitglieder. 2008 haben wir auch das erste deutsche medizinische Lehrbuch zu Kindesmisshandlung herausgegeben.“
Fortschritt und Nöte:
„Es hat sich einiges getan. Was das medizinische Vorgehen anbelangt, gibt es heute eine viel fundiertere wissenschaftliche Grundlage. Woran es allerdings mangelt, ist eine ausreichende Finanzierung. Das, was wir tun, machen wir neben der üblichen Klinikarbeit. Aber wie ich bereits verdeutlicht habe, erfordert Kinderschutz viel Zeit: Befunde, Bewertungen, Telefonate, Elterngespräche, Konferenzen und so weiter. Das alles ist sehr aufwendig, und es gibt dafür keinen separaten Stellenanteil. Ziel muss es sein, dass Kinderschutz zum festen Bestandteil medizinischer Versorgung wird, dass sich jeder zuständig fühlt. Und eine Forderung an die Politik lautet: Kinderschutz, der nicht finanziert wird, kann nicht nachhaltig sein.“ (Robin Lipke)

Arzt aus Klinikum Kassel erhält Bundesverdienstkreuz für Engagement im Kinderschutz

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Dr. Bernhard Herrmann (61) kam in Braunschweig zur Welt. Studiert hat er in Mainz. Seit 1989 arbeitet der Kinder- und Jugendarzt im Klinikum in Kassel. Herrmann ist auch Neonatologe, Kinder- und Jugendgynäkologe, und er ist zertifizierter Kinderschutz-Mediziner. Er leitet zudem den Bereich Kinderschutz im Klinikum. In seiner Freizeit fährt er Motorrad, er paddelt gern und entspannt bei der Gartenarbeit. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.

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