Zum Volkstrauertag fanden in Kassel mehrere Gedenkveranstaltungen statt

Erinnern hilft dem Frieden

Gräber predigen den Frieden: Pastor Mathias Thiele (Alt-Katholische Gemeinde), Pfarrerin Dr. Heike Radeck, Pfarrer a.D. Alois Zimmer und Stadtdekanin Barbara Heinrich (von links) bei der ökumenischen Andacht zum Volkstrauertag auf dem Gräberfeld für die gefallenen Soldaten auf dem Hauptfriedhof. Foto:  Malmus

Kassel. Sie habe lange überlegen müssen, ob sie am Volkstrauertag eine Rede halten wolle. Mit der ursprünglichen Intention des Rituals, die gefallenen deutschen Soldaten als Helden zu verehren, könne sie wenig anfangen, sagte Dr. Eva Schulz-Jander aus Kassel.

Letztendlich entschied sich das Präsidiumsmitglied des Deutschen Koordinierungsrates für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit dafür. Sie sprach vor 200 Gästen im Bürgersaal des Rathauses. Und sie sprach auch darüber, wie sich ihr Bild vom Volkstrauertag gewandelt hat.

Der Tag habe sich geändert, sagte Schulz-Jander. Inzwischen erinnere er an alle Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft weltweit. Und so erinnerte sie an die aktuellen Kriege in Syrien und Afghanistan und die Fremdenfeindlichkeit, die nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschwunden sei.

„Viele Flüchtlinge haben in Kassel Zuflucht gefunden, sie sollen morgens ohne Angst aufstehen.“ Schulz-Jander, die in Breslau als Tochter eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter geboren wurde, weiß, wovon sie spricht. Und so erzählte sie auch von ihren Erinnerungen an die Pogromnacht, wie sie als Kind im Bett lag und hörte, wie die Scheiben des Lederwarengeschäfts ihres Vaters eingeschlagen wurden. „Ich hörte das Knirschen der Stiefel auf den Scherben.“ Damit so etwas nicht mehr passiere, dürfe man die Geschichte nicht auf sich beruhen lassen.

Warnung vor der AfD

Schulz-Jander warnte vor der Alternative für Deutschland (AfD). Wenn eine Partei von der „Entartung des Parlamentarismus“ spreche und Euroscheine vor dem Brandenburger Tor verbrennen ließe, müsse dies ein Warnsignal sein. Doch die AfD feiere Wahlerfolge.

Musikalisch begleitete der Kasseler Konzertchor die Gedenkstunde. Schüler der Georg-August-Zinn-Schule präsentierten Kurzvorträge, und Oberbürgermeister Bertram Hilgen rang bei seiner Ansprache mit den Tränen.

Der Veranstaltungsreigen zum Volkstrauertag hatte bereits am Samstag auf dem Hauptfriedhof begonnen. Im Anschluss an eine ökumenische Andacht legten Vertreter der Stadt, des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und des Deutschen Bundeswehrverbandes Kränze nieder zum Gedenken der Gefallenen, die auf dem Soldatenfriedhof begraben sind. Anschließend wurde auf dem Gräberfeld auch der ausländischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen gedacht, die in Kassel starben.

Am Sonntagmorgen standen traditionell Gedenkstunden und Kranzniederlegungen auf dem Jüdischen Friedhof in Bettenhausen, am Ehrenmal in der Karlsaue und am Grabmal für die Opfer des Faschismus im Fürstengarten auf dem Programm.

Von Bastian Ludwig und Burghard Holz

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