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Erinnerung an Flucht 1945 wieder aktuell

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Von: Thomas Siemon

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Auf der Flucht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs: Zu Fuß, über die Ostsee oder mit Pferdekarren flüchten viele Menschen aus den östlichen Gebieten des besiegten Dritten Reiches. Archi
Auf der Flucht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs: Zu Fuß, über die Ostsee oder mit Pferdekarren flüchten viele Menschen aus den östlichen Gebieten des besiegten Dritten Reiches. Archi © dpa

Eine wunderschöne Kindheit habe sie gehabt, sagt Käthe Marz (86). Allerdings nur bis zum neunten Geburtstag. Als 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, endete für sie das Leben in Swinemünde auf der heute polnischen Seite der Ostseeinsel Usedom

Kassel – Gemeinsam mit ihrer Mutter und der älteren Schwester erlebte sie eine dramatische Flucht. Mit dem Schiff über die verminte Ostsee, in einem überfüllten Güterzug, zu Fuß, voller Angst vor Tieffliegern – immer weiter Richtung Westen.

Käthe Marz, die damals noch Lindstedt mit Nachnamen hieß, wohnt seit 65 Jahren in Kassel. Sie hat ihre Erlebnisse von damals aufgeschrieben. Vor einigen Jahren schon, noch mit der Schreibmaschine. „Wenn ich heute die Bilder von den Müttern mit ihren Kindern aus der Ukraine sehe, kommt alles wieder hoch“, sagt die Mutter von drei Söhnen, Oma und neunfache Urgroßmutter.

Als Kind wurde sie mit der Mutter und ihrer Schwester zunächst ein Stück weit ins Landesinnere evakuiert, kehrte aber unter dramatischen Umständen für kurze Zeit nach Swinemünde zurück. Von der kleinen Hafenstadt Stolpmünde flohen Mutter und Töchter damals vor der Roten Armee über die Ostsee. Käthe Marz erinnert sich an schlimme Szenen auf dem Schiff, dessen Namen sie sich sogar gemerkt hat. Es hieß „Koholyt“ und war eigentlich ein Kohlefrachter. Der wurde immer wieder von Tieffliegern attackiert und musste sich einen lebensgefährlichen Weg durch die verminte Ostsee suchen.

„Es waren viele Mütter mit ihren Babys an Bord“, hat sie aufgeschrieben. Milch oder andere Nahrung habe es während der Überfahrt nicht gegeben. Einige Babys seien gestorben. Die Mütter hätten sie in Tücher gewickelt und über Bord geworfen. In einer besonders stürmischen Nacht sei ein Mann, der sich in Frauenkleidern an Bord des Schiffes geschmuggelt habe, plötzlich aufgesprungen. „Ich halte es nicht mehr aus“, habe er geschrien und sei in die eiskalte Ostsee gesprungen. Fünf Tage und Nächte dauerte die Überfahrt bei Regen, Schnee und Sturm. „Es war ein Martyrium, aber wir überlebten.“

Zurück in Swinemünde gab es keine Erholung. Im Gegenteil. Mit der Mutter und den Großeltern, die in Hafennähe wohnten, erlebte sie die Swinemünder Bombennacht vom 12. März 1945. Damals wurde alles rund um den Kriegshafen zerstört, Tausende von Menschen kamen ums Leben. „Unglaublich, dass wir diesem Inferno entkommen sind“, hat Käthe Marz dazu notiert.

Zu Fuß schlugen sie sich bis nach Ahlbeck durch. Von dort ging es mit einem Zug Richtung Westen weiter. „Unterwegs gab es oft Fliegerangriffe“, steht in den Aufzeichnungen. Dann mussten alle raus aus dem Zug und suchten liegend Schutz neben den Gleisen. „In unserem Abteil starb eine Frau, woran, weiß ich nicht mehr“, erinnert sich Käthe Marz. Die Frau sei aus dem Zug getragen und an der Strecke abgelegt worden. Ab Salzwedel ging es dann nur noch zu Fuß weiter.

In dem kleinen Ort Esterwegen (Niedersachsen) wurden sie dann bei einem Bauern einquartiert. „Gern nahmen die uns nicht auf“, hat Käte Marz notiert. Sie schliefen auf Strohsäcken, hatten aber immerhin ein Dach über dem Kopf. Nach einigen Tagen ging die Flucht weiter bis ins Emsland, wo bald die Amerikaner einrückten. Auf einem Waldweg habe sie mit erhobenen Händen vor einem Panzer gestanden.

Der Krieg war zu Ende. Ihr Vater, der als Soldat in Frankreich war, hatte ebenfalls überlebt und kam nach kurzer Gefangenschaft zur Familie. Als junge Frau lernte Käthe bei einem Verwandtenbesuch ihren späteren Mann kennen. Der kam ebenfalls aus Pommern und fand nach dem Krieg als Klempner und Installateur im Kasseler Forstfeld ein neues Zuhause. „Mit seinen Eltern haben wir ein Haus gebaut, in dem ich heute noch wohne“, sagt die Witwe. An ihre Kindheit bis zur Flucht denkt sie gern zurück. Alles andere werde sie aber ebenfalls bis an ihr Lebensende nicht vergessen.

„Wir Alten, die diesen Krieg erlebt haben, sind nicht mehr viele. Wir dürfen nicht schweigen und müssen es unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln erzählen“, sagt sie. Heute ist es ihr ein Anliegen, dass die Flüchtlinge aus der Ukraine und auch aus anderen Kriegsgebieten so viel Unterstützung wie möglich bekommen.

In ihrem Umfeld gebe es viele Menschen mit russischen Wurzeln. Die dürfe man jetzt nicht alle mit dem Kriegstreiber Putin in Verbindung bringen. „Viele sind jetzt wach geworden und verurteilen den Krieg“, sagt sie. (Thomas Siemon)

Käthe Marz 86-jährige Zeitzeugin
Käthe Marz 86-jährige Zeitzeugin © Thomas Siemon
Im Jahr 1943: die siebenjährige Käthe zwischen Mutter und Vater.
Im Jahr 1943: die siebenjährige Käthe zwischen Mutter und Vater. © Privat/nh

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