Hildegard Münzel hat heute Geburtstag: Mit 108 Jahren ist sie die zweitälteste Kasselerin

Erinnerungen als Schatz

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Ausflüge in die Vergangenheit: Hildegard Münzel blättert gern in ihrem Fotoalbum. Zu jeder der zahlreichen Aufnahmen weiß die 108-Jährige aus ihrem bewegten Leben eine Geschichte zu erzählen. 

Bad Wilhelmshöhe. Langsam blättern die Hände in dem großen Fotoalbum. Die kleinen Schwarz-Weiß-Bilder sind schon lange verblasst. Es sind die Erinnerungen, die Hildegard Münzel gehütet hat wie einen Schatz. Sie sitzt vor dem Fenster mit Blick in den Garten, den Oberkörper nah über die Tischplatte gebeugt. Ihre Augen sind nicht mehr so gut.

„Für 108 Jahre funktionieren sie aber noch“, sagt die zweitälteste Kasselerin und lacht. Heute feiert sie Geburtstag. Es gibt in der Stadt nur eine ältere Frau - diese wird in einigen Monaten 109.

Die langen, schmalen Finger Hildegard Münzels zeigen auf ein Bild, auf dem sie mit ihren drei Geschwistern abgebildet ist. Geboren wurde sie als Hildegard Dorothee Anna Lina Elsa Bauer im badischen Rastatt. 1921 zog die Familie nach Kassel. Ein paar Seiten im Album weiter sitzt sie auf einer Bank, trägt einen weißen Hut und einen dunklen Rock, ihr Gesicht hält sie in die Sonne. „Eins meiner liebsten Bilder“, sagt die Dame mit dem weißen Haar. Ein Bild von einem Ausflug aus ihrer Wandervogelzeit.

Meisterin der Hauswirtschaft

Hildegard Münzel besuchte die Landwirtschaftsschule. Allerdings ohne einen Abschluss. Als sie eine Ziege melken wollte, stieß diese den Eimer um und die damals 18-Jährige musste ohne Milch zurück in die Küche. Seitdem hat sie nicht mehr gemolken, machte später eine Ausbildung zur Hauswirtschaftsmeisterin.

„Das war fabelhaft“, kommentiert die alte Dame ein Bild, auf dem sie tanzt. Sie nahm Unterricht bei Carl Ernst Riebeling am Ständeplatz. Ihr Lieblingstanz war der Walzer. Sie streckt ihre Zeigefinger in die Luft und bewegt sie im Takt, wie ein Dirigent. Hildegard Münzel lacht.

Als sie ein Porträt von ihrem Mann Alexander, einem Ingenieur und Flugzeugbauer bei den Fieseler-Werken, sieht, seufzt sie leise. „Ein schöner Mann“, den die liebenswerte Dame bei einer Hamsterfahrt im Zug kennengelernt hat. 1941 haben sie geheiratet, vor 27 Jahren ist er gestorben.

„Das Schöne an einem Fotoalbum ist, dass die Erinnerungen am Leben gehalten werden“, sagt sie und klappt es zu. Hildegard Münzel erlebte zwei Weltkriege, das Wirtschaftswunder und die Wiedervereinigung. 1951 zog sie mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter Dorothee nach Kanada, ihrem Mann zuliebe. Zwölf Jahre später kehrten sie zurück nach Wilhelmshöhe, denn „hier bin ich zu Hause“.

„Meine Beine haben mich weit getragen und gesund gehalten“, sagt die muntere Dame auf die Frage nach dem Geheimnis ihres hohen Alters. Seit drei Jahren sitzt sie im Rollstuhl, ihre Knie sind schwach, ihr Rücken tut weh. 109 Jahre möchte sie nicht mehr werden. „Ich habe alle überlebt - meinen Mann, meine Geschwister und meine Freunde“, sagt sie leise. Ihre 66-jährige Tochter aber, die heute in Australien lebt, kommt noch regelmäßig zu Besuch.

Einmal möchte sie noch in den Park zur Löwenburg, die sie so sehr liebt. (pmn)

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