Ortsbeirat Forstfeld will Gedenktafel für Letten-Lager und Präsentation erarbeiten

Erinnerungen wachhalten

Falk

forstfeld. Das Letten-Lager am Forstbachweg ist Thema in der Sitzung des Ortsbeirats Forstfeld gewesen. Die älteren Bewohner des Stadtteils werden sich, vielleicht mit gemischten Gefühlen, daran erinnern. Das Camp, neben dem heutigen Haus Forstbachweg 16 c gelegen, war eines von vielen in Kassel, in denen nach 1945 Überlebende unterschiedlichster Nationen wohnten.

Diese Überlebenden werden DPs genannt - das ist die Abkürzung für das englische Displaced Persons und bedeutet „Menschen ohne Heimat“. DPs waren Zivilisten, Kriegsgefangene, ehemalige Zwangsarbeiter, die nach Kriegsende heimatlos waren.

Im Forstfeld gab es nach 1945 neben dem Letten-Lager noch zwei weitere Camps. Hier hatten teils während des Krieges die Arbeiter der ortsansässigen Firmen wie Junkers Flugmotorenwerke und Diana-Werke gelebt.

So berichtete Falk Urlen, ehemaliger Ortsvorsteher des Stadtteils, jetzt dem Ortsbeirat Forstfeld. Urlen, pensionierter Lehrer, hat sich ausführlich mit der Geschichte der Lager, vor allem des Letten-Camps, beschäftigt und die Ergebnisse in einer anschaulich und persönlich geschriebenen Broschüre zusammengefasst.

Über 900 Letten und 113 Esten lebten in kleinen Wohnungen. Es gab fließend Wasser, Schulen, ein Krankenhaus, einen Kindergarten, Werkstätten, ein Lagertheater, berichtete Urlen. „Die Menschen versuchten, ihr Leben irgendwie einzurichten. Aber sie waren doch verzweifelt, ohne Zukunft, ohne Heimat.“

Nachdem die Lager Ende der 40er-Jahre geräumt waren, zogen in die Lager-Wohnungen die Deutschen ein. „Das wurde damals bei der großen Wohnungsnot begeistert angenommen“, sagte Urlen. In den 50er-Jahren brachte die Stadt dort Obdachlose unter. „Das begründet bis heute den schlechten Ruf unseres Stadtteils“, erklärte Ortsvorsteherin Hannelore Diederich (SPD).

Der Ortsbeirat möchte zum 1100. Geburtstag Kassels 2013 eine Geschichte des Lagers präsentieren. Er wünscht sich die Hilfe der Stadt. Außerdem regt er an, dass auch andere Ortsbeiräte sich mit der Vergangenheit ihres Stadtteils nach dem Krieg und möglicher Lager beschäftigen.

Weiter bittet das Gremium die Stadt, den Torpfosten am Letten-Lager zu reinigen und in seinen Originalzustand zu versetzen. Die Bürgervertreter möchten an diesem Standort eine Gedenktafel anbringen.

„Es geht um ein Tabu-Thema, das wir auf den Weg bringen wollen“, sagte Urlen. Er bittet vor allem die älteren Forstfelder, sich an dem Projekt mit Fotos, Erinnerungen, Geschriebenem, Geschichten zu beteiligen. Kontakt: Tel. 9 51 39 09. Archivfoto: nh    KOMMENTAR

Von Sabine Oschmann

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