Ermittler Volker Führer geht in den Ruhestand

Sie ermitteln in vierter Generation

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Brandermittler: Kriminalhauptkommissar Volker Führer (rechts) untersuchte mit seinem Kollegen Torben Nebe im Jahr 2011 einen Tatort im Magazinhof.

Kassel. „Der Sinn für Gerechtigkeit liegt bei uns wohl in den Genen“, sagt Kriminalhauptkommissar (KHK) Volker Führer. Der 60-Jährige, der fast 30 Jahre im Kommissariat 11 mit dem Schwerpunkt Brandermittlung im Polizeipräsidium Nordhessen gearbeitet hat, geht heute in den Ruhestand.

Das ist an und für sich nichts Ungewöhnliches. Aber Führers Großvater Johannes (geboren 1899), sein Vater Ernst (geboren 1919) und sein Sohn Marco (33) haben sich ebenfalls für die Polizei entschieden. Vier Generationen aus einer Familie - das ist wohl einzigartig in ganz Hessen.

Die Führers, die zusammen unter sieben Polizeipräsidenten in Kassel gearbeitet haben, haben im Laufe der Jahrzehnte dafür gesorgt, dass viele Straftaten aufgeklärt und Verbrecher hinter Gitter gebracht wurden. Dabei fing eigentlich alles damit an, dass Johannes selbst eineinhalb Jahre im Gefängnis verbringen musste.

Sozialdemokrat unter Nazis inhaftiert

Neu bei der Polizei: Ernst Führer (vorn) steht im Jahr 1950 mit einem Kollegen vor einer Funkstreife. Fotos:  privat (5)

Johannes Führer hatte Schlosser gelernt. Weil er Mitglied in der SPD war,       wurde er von dem Regime der Nationalsozialisten im Jahr 1937 wegen der Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt. Er wurde in Wehlheiden inhaftiert. Nachdem der Zweite Weltkrieg vorbei war, musste die Polizei neu aufgebaut werden. „Dazu wurden unbelastete Leute wie mein Großvater gesucht“, sagt Volker Führer. Johannes Führer wurde am 30. Oktober 1946 zum Polizei-Wachtmeister auf Widerruf ernannt. „Mein Großvater war damals bereits im 47. Lebensjahr“, sagt Führer. „Heute wäre es undenkbar, in diesem Alter bei der Polizei anzufangen.“

Polizei-Wachtmeister Führer war mit Fahrrad und zu Fuß in Waldau auf Streife unterwegs. Allerdings war seine Karriere nur von kurzer Dauer. Johannes Führer, der die Inhaftierung unter den Nazis wohl nicht überwunden hatte, starb 1949 im Alter von 50 Jahren.

Vize-Leiter beim Kommissariat 12

Ernst Führer hatte fast zeitgleich mit seinem Vater bei der Polizei begonnen. Im Krieg hatte er an allen Fronten in Europa gekämpft, war aber glücklicherweise nicht in Gefangenschaft geraten. Ernst Führer, der vor dem Krieg bei Weber & Weidemeier als Buchdrucker gearbeitet hatte, absolvierte aber eine längere Ausbildung als sein Vater. Und so ging es mit seiner Karriere auch schnell voran: 15 Jahre war er im Einsatz beim Unfallkommando am Altmarkt.

Ernst Führer war ein ehrgeiziger Polizist. Er wechselte zur Kripo und absolvierte mit über 50 Jahren noch einen Kommissarlehrgang. Kriminalhauptkommissar Ernst Führer war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1979 stellvertretender Leiter des Kommissariats 12 (damals Sexual- und Drogendelikte). Er starb im Jahr 2000 mit 80 Jahren.

In Brandschutt Spuren gelesen

Volker Führer hatte wie sein Vater Buchdrucker gelernt. Da die Bundeswehr nicht sein Ding war, entschied er sich 1972, stattdessen für drei Jahre zur Bereitschaftspolizei zu gehen. Ihm sei schon nach wenigen Wochen klar gewesen, dass er bei der Polizei bleiben wollte, sagt Volker Führer. Obwohl er damals als Buchdrucker 1300 Mark verdiente. Das war mehr als das Doppelte als bei der Polizei. Nach seiner Ausbildung und Streifendienst in Offenbach kam er zurück nach Kassel und lief zunächst Streife in Waldau wie einst sein Großvater. 1978 kam der Wechsel zur Kriminalabteilung, 1984 begann er beim K 11 mit dem Schwerpunkt Brandermittlung.

Volker Führer hat in dieser Zeit über 1000 Leichen zu Gesicht bekommen. „Es war auch eine harte Zeit. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die meine Hilfe benötigt haben. Das war schön.“ Eines seiner schlimmsten Erlebnisse sei gewesen, als er vor etwa zehn Jahren eine Brandleiche aus einem Wochenendhäuschen bergen musste und feststellte, dass es sich um einen jungen Kollegen handelte.

Volker Führer

Den Mord an Anita Gerth hat er auch nie vergessen. Volker Führer war 1982 als Erster am Tatort in der Wohnung an der Ludwig-Mond-Straße, wo die zweifache Mutter getötet worden war. Die Bilder hat er nie vergessen. 26 Jahre später war er dabei, als der Täter überführt und verhaftet werden konnte. „Da habe ich mir gesagt, die Gerechtigkeit hat doch noch gesiegt.“

Über Sachen, die ihn belastet haben, hat er immer mit seiner Frau Gisela gesprochen. Namen von Opfern oder Tätern nannte er nie. Die beiden sind seit 40 Jahren verheiratet, leben in Fuldatal und haben zwei Söhne. Der Ältere ist Lehrer geworden, der Jüngere ist zur Polizei gegangen.

Kommt im März die fünfte Generation?

Marco Führer entschied sich nach einem Schülerpraktikum bei der Polizei, in die Fußstapfen seiner Vorfahren zu treten. 1000 Euro bekam der Polizeianwärter, als er nach dem Abitur im Jahr 2000 seine Ausbildung begann. Als Polizeikommissar wurde er auch zur Botschaftsüberwachung in Frankfurt eingesetzt. Das war dem jungen Mann auf Dauer zu langweilig.

Und so entschloss er sich, Jura zu studieren. Neben dem Studium in Mainz wurde es ihm ermöglicht, weiterhin eine halbe Stelle bei der Polizei zu haben. „Die Polizei hat es mit der Familie Führer immer gut gemeint“, sagt Volker Führer. Nach dem zweiten Staatsexamen war Marco Führer zunächst im Innenministerium. Mittlerweile ist er Regierungsart und arbeitet im Präsidium für Technik, Logistik und Verwaltung (PTLV) der Polizei in Wiesbaden.

„Die Polizei hat es mit der Familie Führer immer gut gemeint.“

Er ist der erste der Führer-Männer, der sich in eine Kollegin verliebt hat. Seine Frau Doris ist Kriminaloberkommissarin beim K 12 in Wiesbaden. Im März 2014 bekommen die beiden ihr erstes Kind.

„Ob das mal die fünfte Generation wird, das weiß man nicht“, sagt Volker Führer. Der Kriminalhauptkommissar, der sich heute vom Dienst verabschiedet, hätte aber sicher nichts dagegen.

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