Ein Ermöglicher von Musik

Bärenreiter-Verleger Leonhard Scheuch feiert seinen 75. Geburtstag

Bärenreiter-Verleger Leonhard Scheuch.

Kassel. Allzu viel wird sich für Bärenreiter-Verleger Leonhard Scheuch nach seinem 75. Geburtstag am Dienstag nicht ändern. „Ich werde nicht mehr so oft mit der Aktentasche nach Hause gehen“ – dieser Vorsatz immerhin steht fest.

In der Leitung eines Familienunternehmens, wie es der Kasseler Musikververlag trotz seiner Weltgeltung immer noch ist, stellt sich die Frage eines möglichen Ruhestands eben anders als bei einem Angestellten.

1976, ein Jahr nach dem Tod des Verlagsgründers Karl Vötterle, übernahmen Leonhard Scheuch und seine Frau Barbara Scheuch-Vötterle die Leitung des Unternehmens. Damit wechselte der 1938 im schweizerischen Winterthur geborene Theaterwissenschaftler beruflich quasi die Seiten. Als Dramaturg am Zürcher Opernhaus hatte er als Kunde mit Musikverlagen zu tun. Als Verlagsmanager kam ihm diese Erfahrung dann zugute. „Den Wechsel habe ich nie bereut“, sagt Scheuch heute.

Tatkräftig haben er und seine Frau den Verlag weiterentwickelt. Basis sind nach wie vor die großen Gesamtausgaben von Bach, Mozart, Händel, Schubert und anderen. Doch insgesamt verbreiterte das Ehepaar Scheuch systematisch das Verlagsangebot – auch in Richtung Musikpädagogik.

Zwei neue Verlagsbereiche liegen Leonhard Scheuch ganz besonders am Herzen: Da ist einmal das Engagement in Tschechien, wo die „Editio Bärenreiter Praha“ heute das Programm des ehemaligen Staatsverlages Editio Supraphon fortführt und weiterentwickelt. Scheuchs Liebe zur tschechischen Musik und ganz besonders zum Werk Leosˇ Janácˇeks geht auf seine Wiener Studienzeit zurück. Eine Aufführung der Oper „Jenufa“ sei damals die Initialzündung gewesen, erinnert er sich.

Zum anderen ist Scheuch ein engagierter Verfechter der zeitgenössischen Musik. Dass Bärenreiter so wichtige Komponisten wie Manfred Trojahn, Charlotte Seither, Matthias Pintscher, Beat Furrer und auch aufstrebende Tonsetzer wie Miroslav Srnka betreut, sieht Leonhard Scheuch als Verpflichtung an - gleichzeitig ist es für ihn persönlich eine Freude und Bereicherung.

Dabei produziert Bärenreiter nicht nur hochwertiges Notenmaterial. Scheuch setzt sich auch in Verhandlungen mit Theatern und Konzertveranstaltern dafür ein, dass „seine“ Komponisten attraktive Kompositionsaufträge und Aufführungsmöglichkeiten bekommen. Leider, so Scheuchs Erfahrung, geht vor allem das Engagement der Rundfunkanstalten für neue Musik zurück.

Als „ein großes Glück“ empfindet es Scheuch, dass der Generationswechsel beim Familienunternehmen Bärenreiter frühzeitig geregelt wurde. Scheuchs jüngerer Sohn Clemens (32) gehört seit einiger Zeit der Verlagsleitung an und bereitet sich auf die Übernahme der Geschäftsleitung vor. Der ältere Sohn, Claudius (36), ist als Grafik-Unternehmer erfolgreich.

Er sei froh, dass sein Sohn auch im Bereich neuer Medien firm sei, sagt Scheuch, denn auch Musikverlage müssten sich wandeln. So ist es unwahrscheinlich, dass ein so großartiges Projekt wie die 2008 abgeschlossene 29-bändige Enzyklopädie „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ (MGG) in einer künftigen Neuauflage noch einmal als gedrucktes Werk erscheinen könnte. Scheuchs wichtigster Wunsch zum 75. Geburtstag ist jedenfalls, „dass es mit dem Verlag so positiv weitergeht“. Er sagt es voller Zuversicht.

Von Werner Fritsch

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