Erna Baum, Seniorchefin der Tischlerei Baum & Söhne, ist 100 Jahre alt

Geistig fit und stolz auf den Familienbetrieb: Erna Baum in der Werkstatt der Tischlerei Baum & Söhne, die sich seit 1964 an der Sandershäuser Straße befindet. Foto: Fischer

Kassel. Sich regen bringt Segen – mit dieser Maxime ist Erna Baum 100 Jahre alt geworden. Heute begeht die Seniorchefin der Kasseler Tischlerei Baum & Söhne dieses seltene Fest.

Noch 23 Jahre älter als sie selbst ist der Traditionsbetrieb, den sie mit ihrem Mann Karl von den Nachkriegsjahren bis 1980 geleitet hat und der heute von Enkel und Innungs-Obermeister Frank Baum geführt wird.

„Wir haben uns damals richtig reingekniet“, erinnert sich die rüstige Jubilarin, die noch selbstständig in ihrem Haus in Landwehrhagen lebt und erst vor sechs Jahren das Autofahren aufgegeben hat. Als sie 1948 in die Kasseler Tischlerei einheiratete, standen alle Zeichen auf Neubeginn. Stadt und Betrieb waren zerstört, und auch die Familie musste erst zusammenwachsen.

Karl Baum stand als Witwer mit zwei kleinen Kindern allein, seine erste Frau war samt Schwester und Schwägerin in der verheerenden Bombennacht 1943 umgekommen. Die Frauen wollten sich in Kassel einen Kinofilm anschauen, während Tischler Baum in der damaligen Wohnung in Ziegenhagen die Kinder hütete.

Auf einer Feier in diesem Ort lernte er Jahre später Erna Neuwald kennen, die aus dem Raum Frankfurt stammt, wo die Beamtentochter die Höhere Handelsschule besuchte. Nachdem sie während der Kriegsjahre in einem Rüstungsbetrieb dienstverpflichtet war, hatte es ihre Familie nach Witzenhausen verschlagen. Dort arbeitete sie erst beim Landwirtschaftsamt, dann in Fürstenhagen für eine Dienststelle des Wirtschaftsministeriums, die die dortige Munitionsfabrik abwickelte. Diese Jahre hätten ihr das Rüstzeug als spätere Geschäftsfrau gegeben, sagt Erna Baum: „In so großen Betrieben muss man sich durchsetzen können und auch mal die Krallen ausfahren.“

Im Juni 1948 wurde geheiratet – „eine Woche nach der Währungsreform, jeder hatte damals nur 40 Mark“. Auch die Kunden des Möbelgeschäfts, das der Tischlerei an der Kasseler Freiheit angeschlossen war. „Es wurde damals viel auf Pump gekauft“, erinnert sich Erna Baum. Eine Esszimmergarnitur aus ihrer Aussteuer wurde im eigenen Betrieb aufgemöbelt – „das war unsere erste Einnahme“.

Die Lehrlinge hätten morgens als Erste kommen und den Ofen anheizen müssen, damit der Holzleim gewärmt werden konnte. War das Tagwerk getan, klopften die Eheleute mit Helfern noch Backsteine aus umliegenden Kriegsruinen, um den Betrieb vergrößern zu können. Später nahm Erna Baum oft noch das Strickzeug zur Hand, damit die Kinder Anziehsachen bekamen.

„Das alles kann man sich in dieser heutigen Wegwerfgesellschaft kaum noch vorstellen“, erzählt Erna Baum, deren Ehemann Karl vor 21 Jahren gestorben ist. Auf die Entwicklung des Tischlerbetriebs, der bereits 1964 an die Sandershäuser Straße umzog, ist die Jubilarin stolz, „obwohl ich schon lange keinen Einfluss mehr habe“.

Um ihre geistige Regsamkeit zu erhalten, löst Erna Baum noch jeden Tag eines ihrer geliebten Kreuzworträtsel. „Man will ja selbstständig bleiben“, lacht die 100-Jährige.

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