Er+Ruhestand=viel zu tun

Dienstältester Professor Werner Blum wird pensioniert

Ein Bild aus alten Zeiten: Prof. Werner Blum zeigt ein HNA-Foto aus dem Jahr 1983. Die Aufnahme zeigt den Professor, wie er die Formel aus dem Einkommensteuergesetz an die Tafel schreibt. Die wenigsten wüssten, dass im Gesetz Formeln stehen. Foto: Ludwig

Kassel. Mathematisch gesprochen ist Werner Blum eine Konstante. Der 68-jährige Professor für Didaktik der Mathematik, der Ende des Semesters in Ruhestand geht, ist seit 41 Jahren Hochschullehrer in Kassel. „So lange war bei uns noch keiner im Dienst der Wissenschaft“, hatte jetzt auch Uni-Präsident Rolf-Dieter Postlep festgestellt.

Wahrscheinlich wird es auch nie wieder jemand auf so viele Jahre bringen. Denn Blum wurde an der früheren Gesamthochschule Kassel (GhK) schon mit 27 Jahren Dozent und mit 29 Jahren Professor.

Als Blum im Herbst 1972 in der Kasseler Straßenbahn saß und den Gesprächen lauschte, ging ihm eine Frage durch den Kopf: „Warum sind so viele Thüringer hier?“ Der geborene Pforzheimer, der in Karlsruhe promoviert hatte, war seinerzeit auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch für eine Dozentenstelle an der GhK. An den nordhessischen Dialekt sollte er sich mit den Jahren gewöhnen. Er selbst blieb dem Badischen treu.

Ein Kollege aus Karlsruhe, der als Professor nach Kassel gegangen war, hatte ihm von der damals gerade erst gegründeten GhK vorgeschwärmt. Hier werde die Lehrerbildung ganz neu gedacht, werde versucht, Schule zu verändern. „Ich war politisch bewegt und von diesem Konzept angetan. Ich dachte aber auch, in drei, vier Jahren bist du da wieder weg.“ Mit der Einschätzung sollte sich der Mathematiker verrechnen.

Ruck, zuck wurde er in Kassel Professor. Zwar gab es immer wieder auch auswärtige Angebote, etwa einen Ruf an die Uni Dortmund, aber Blum blieb in Kassel. „Es gibt zwei Gründe, warum die Menschen Kassel nicht verlassen. Erstens, sie kommen nicht weg. Zweitens, und das gilt für mich, sie entscheiden sich bewusst, dazubleiben.“

Weltweit unterwegs

Der verheiratete Vater eines Sohnes ist inzwischen dreifacher Großvater. Er investiert viel Zeit in die Forschung über den Mathematikunterricht und in dessen Verbesserung. Als einziger Deutscher sitzt er für den Bereich Mathematik in der Pisa-Gruppe. Er spricht weltweit auf Kongressen und berät ausländische Ministerien für deren Bildungswesen.

Aber auch die Lehre möchte er nicht missen. Mathematik sei eine 2500 Jahre alte Kulturform. Sie sei nicht nur nützlich, sondern auch ein schönes Gedankengebilde und eine gute Geistesschule. All dies wolle er angehenden Mathelehrern vermitteln.

„Meine Frau fragt schon, was sich überhaupt ändert.“

Prof. Werner Blum

Er selbst hat den mathematischen Blick. Wenn er durch eine Stadt geht, wecken geometrische Formen und Symmetrien in der Architektur sein Interesse. „Überall um uns herum ist Mathematik, nur ist sie oft versteckt.“

So ein richtiger Abschied von der Uni wird es für Blum vorerst nicht werden. Laufende Projekte, die mit Drittmitteln finanziert sind, wird er zu Ende führen. Auch in der Pisa-Gruppe arbeitet er weiter. „Meine Frau fragt schon, was sich überhaupt ändert.“

Von Bastian Ludwig

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