Kasseler berichtet

Erst Flucht aus Afghanistan, dann Hochzeit in Kassel - doch Paar will „eines Tages zurückkehren“

Am Tag der langersehnten Hochzeit nach der Flucht aus Afghanistan: Am 21. Oktober 2021 gaben sich Pari und Asib Malekzada in Kassel das Ja-Wort.
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Am Tag der langersehnten Hochzeit nach der Flucht aus Afghanistan: Am 21. Oktober 2021 gaben sich Pari und Asib Malekzada in Kassel das Ja-Wort.

Im August wurde seine Geschichte bekannt: Ein Mann aus Kassel flüchtet im letzten Augenblick mit seiner Verlobten aus Afghanistan. Nun haben sie geheiratet.

Kassel – Am 21. Oktober 2021 ist es so weit: Asib Malekzada aus Kassel gibt seiner Verlobten das Ja-Wort. „Letztes Silvester konnten wir nicht gemeinsam verbringen. Ich freue mich, dass das nun anders sein wird“, sagt der 33-Jährige. Für das junge Ehepaar geht ein Jahr zu Ende, das trotz der Heirat im Herbst voller schrecklicher Erfahrungen war.

Im August fliehen beide im letzten Moment von Afghanistan nach Kassel, nachdem die radikal-islamistischen Taliban die Kontrolle über Kabul übernommen hatten.

Nach Machtübernahme der Taliban: Paar flüchtet aus Afghanistan nach Kassel

Monatelang kämpft er bei deutschen Behörden um die Genehmigung ihrer Eheschließung. Er kam als Kind im Jahr 1999 nach Deutschland, seine Familie war über Moskau aus der afghanischen Heimat geflohen. Mittlerweile hat er die deutsche Staatsbürgerschaft, ist ehrenamtlich und kommunalpolitisch engagiert.

Pari (25), deren Name wir zum Schutz ihrer Familie in Kabul geändert haben, hat die afghanische Staatsbürgerschaft. So eine Konstellation macht eine Heirat in Deutschland nicht unkompliziert. Freunde und Verwandte helfen über Monate hinweg, wichtige Dokumente zwischen beiden Ländern hin und her zu transportieren. Die deutsche Botschaft in Kabul kann nicht helfen, weil sie nach einem Anschlag 2017 nur eingeschränkt gearbeitet hat.

Auf der Flucht: Das Bild zeigt Asib Malekzada aus Kassel am Kabuler Flughafen.

„Wir waren mitten im Krieg“: Paar aus Kassel schildert Szenen nach Flucht aus Afghanistan

Im Frühsommer kommt dann die langersehnte und erkämpfte Genehmigung. Pari und Asib dürfen heiraten. Zu diesem Zeitpunkt ist klar, dass die Nato-Alliierten um die USA und Deutschland das Land nach 20 Jahren verlassen wollen. Und zwar schnell. Die Islamisten, die das Land schon in den 90er-Jahren terrorisiert und kontrolliert hatten, rücken weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit vor. Niemand traut ihnen zu, der vom Westen ausgebildeten und ausgerüsteten afghanischen Armee Paroli zu bieten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es gibt keinen Widerstand.

Anfang August reist Asib Malekzada nach Kabul, um Pari herauszuholen. Er hat alle wichtigen Dokumente dabei. Wenig später stehen die Taliban vor den Toren Kabuls, die Lage in der Hauptstadt eskaliert. Wer kann, rettet sich ins Ausland. Die meisten können nicht. Die dramatischen Bilder verzweifelter Menschen und überforderter Soldaten am Flughafen gehen um die Welt.

Der internationale Aufschrei kommt zu spät. Gerade so schaffen es Pari und Asib in den sicheren Teil des Flughafens. „Wir waren mitten im Krieg“, sagt Asib. Letztlich werden beide von der Bundeswehr aus Afghanistan ausgeflogen, wenige Tage bevor das Land sich selbst und den Terroristen überlassen wird.

Paar aus Kassel will eines Tages nach Afghanistan zurückkehren

„Wir sind in ständigem Kontakt mit unseren Familien vor Ort“, berichtet er. Die Lage habe sich dramatisch entwickelt, insbesondere für Frauen. Paris Schwester vernichtete aus Angst vor den Taliban ihre gemalten Kunstwerke, zwei Cousins von Asib wurden öffentlich ausgepeitscht, erzählt er. „Sie haben im Auto Musik gehört. Die Taliban haben Kunst und Kultur verboten. Wir hören täglich solche Geschichten.“

Mittlerweile wache er nicht mehr mit Albträumen auf. „Viele Gespräche mit Freunden haben geholfen. Ganz ausblenden kann ich es aber nie.“ Seine Frau habe mit dem Erlebten noch mehr zu kämpfen. Im Januar beginnt für sie der Sprachunterricht, damit sie später eine Berufsausbildung machen kann. Ihr afghanisches Jura-Studium ist hier wertlos.

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„Eine Sache steht für uns sicher fest: Für die Freiheiten und Rechte aller Menschen in Afghanistan, aber vor allem für die der jungen Menschen und der Frauen, werden wir eines Tages nach Afghanistan zurückkehren“, sagt Asib Malekzada. Wann und in welcher Form wissen sie aber noch nicht. (Gregory Dauber)

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