Winfried Jacob trägt in Seniorenresidenz aus seinem Buch vor

Erste Autorenlesung mit 95 Jahren

Das Tagebuch ist immer dabei: Winfried Jacob bei seiner ersten Lesung.
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Das Tagebuch ist immer dabei: Winfried Jacob bei seiner ersten Lesung.

Winfried Jacob ist 95 und hat ein Buch geschrieben. Jetzt gab es die erste Autorenlesung mit ihm - in einer Seniorenresidenz. 60 Beschauer hörten gespannt zu.

Kassel - Dass Winfried Jacob einen gewissen Humor hat, wird gleich zu Beginn dieser Veranstaltung deutlich. Er begrüßt die Gäste, indem er von den lieben „Besucher, Sternchen oben, innen“ spricht. Winfried Jacob gendert auf seine Art und Weise, legt dann aber noch einmal nach, damit keine Missverständnisse aufkommen: „Liebe Besucherinnen und Besucher.“

Winfried Jacob steht in einem Gemeinschaftsraum der Seniorenresidenz Mundus in Bad Wilhelmshöhe. Vor ihm sitzen 60 Bewohner. Winfried Jacob ist eigentlich einer von ihnen, aber heute steht er im Mittelpunkt. Er stellt sein gerade erschienenes Buch „Man muss das doch alles mal erzählen“ vor und sagt: „Das ist meine erste Lesung im Leben.“ Und das im Alter von 95 Jahren.

Winfried Jacob ist sich der Außergewöhnlichkeit dieser Tatsache bewusst. Auch sie verarbeitet er mit der Extra-Portion Witz in seinen Aussagen. Ein Satzanfang von ihm geht so: „Wenn ein Jungautor wie ich anfängt, ein Buch zu schreiben.“

Dass er in seinem Alter das Projekt angegangen ist, hat aber einen ernsten Hintergrund, den er sogleich erläutert: „Dass rechtsnationale Gruppen in Deutschland wieder Zulauf bekommen, ist so erschreckend. Deshalb ist es an der Zeit zu erzählen, wie es früher wirklich war.“ Früher, als er jung war – zu Zeiten, in denen die Nazis an der Macht waren, Gräueltaten verübten, Angst und Schrecken verbreiteten.

Winfried Jacob kämpft gegen die Verharmlosung, gegen das Vergessen – auch hier in einer Seniorenresidenz, in der fast alle diese Zeiten miterlebten. Später betont er noch einmal: „In Deutschland sind immer die politischen Ränder stark. Die Mitte kennt der Deutsche nicht wirklich, und das ist das, was mich heute noch beunruhigt.“ Winfried Jacob setzt sich jetzt, im Raum ist es ganz ruhig, alle Augen auf ihn. Er sagt: „Jetzt beginne ich.“

Und dann beginnt er in seinem besten Kasselänerisch. Er sagt immer „nit“ statt „nicht“. Er liest ein paar Sätze aus dem Buch, dann erzählt er wieder, und am Ende weiß man gar nicht, was jetzt eigentlich im Buch steht und was er darüber hinaus sagt. Einmal bezeichnet er sich selbst als Bengel, da setzt Gelächter ein.

Winfried Jacob spricht über die Geschichte der jüdischen Farben-, Glasuren- und Lackfabrik Rosenzweig & Baumann. Mit einer der bekanntesten Kasseler Firmen der Vorkriegszeit war Winfried Jacob seit seiner Kindheit verbunden, nach dem Krieg war er als Chemiker und Diplom-Volkswirt persönlich haftender Gesellschafter. Er spricht über das Leben in Kassel zu Zeiten der Nazis. Er schildert, wie die Rosenzweigs – nur mit dem Nachthemd bekleidet – von der Gestapo abgeholt und wie er dafür sorgte, dass sie freigelassen wurden. Und er erzählt, dass der Anwalt der Firma zu Tode geprügelt wurde. Er erhebt seine Stimme, im Saal ist es ganz still.

Es ist oft bedrückend, was Winfried Jacob schildert. Und doch gelingt es ihm, immer wieder auch zu unterhalten, wenn er zurückblickt. Zum Beispiel bei der Geschichte über sein Tagebuch, was er immer noch hütet wie einen Schatz und was selbst die russische Gefangenschaft überlebt hat. Er hat es damals in seinen Schuhen versteckt, die nichts anderes waren als umfunktionierte Autoreifen. „Ohne das Tagebuch hätte ich das Buch nicht schreiben können“, sagt er. Er wäre mit 95 also nicht einer der ältesten Jungautoren.

Am Ende bekommt er viel Applaus. Manche kaufen sein Buch – ganz zur Freude des Autors. Persönliche Widmung inklusive. (Florian Hagemann)

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