Fred Lenhoff, Chef des K11, geht in den Ruhestand

Legt seine Dienstmarke ab: Der Erste Kriminalhauptkommissar Fred Lenhoff, Leiter des K 11, wird heute 60 und geht in den Ruhestand. Foto:  Herzog

Kassel. An seinem ersten Tag bei der Polizei wurde er Opfer einer Straftat. Der 19-jährige Fred Lenhoff aus Bad Emstal war am 2. Januar 1972 mit dem Zug nach Hanau gefahren, um seine Ausbildung zu beginnen.

Am Bahnhof stieg er in ein Taxi, um sich zur Bereitschaftspolizei bringen zu lassen. „Der Taxifahrer fragte mich, ob ich mich in Hanau auskenne. Ich als Junge vom Land verneinte das“, erzählt Lenhoff. Das Ergebnis: Der Fahrer kutschierte ihn eineinhalb Stunden durch die Stadt und kassierte 30 Mark. Später stellte Lenhoff fest, dass man vom Bahnhof bis zur Polizei hätte spucken können. Er wurde aber nicht nur Opfer eines Betrugs, sondern bekam auch gleich seinen „ersten Anschiss“, weil er wegen der Taxifahrt eine Stunde zu spät kam. Mit dieser Einstellung könne er nie etwas bei der Polizei werden.

Seine Ausbilder irrten sich. Fred Lenhoff machte Karriere bei der Kripo und trug dazu bei, dass zahlreiche Kapitalverbrechen aufgeklärt wurden. Heute feiert der Erste Kriminalhauptkommissar seinen 60. Geburtstag, Ende des Monats geht der Leiter des K11 der Kasseler Kripo in den Ruhestand. Dass er nach der Ausbildung zur Kripo wechseln wollte, stand für Lenhoff schnell fest. Probleme habe er bei der Schutzpolizei oft wegen seiner langen Haare gehabt.

Bei jedem Windstoß flog die Mütze weg. „Ich war nie ein richtiger Uniformträger.“ 1976 begann er bei der Kripo in Frankfurt, 1982 wurde er in seine nordhessische Heimat versetzt und Ermittler beim K11 in Kassel. Die Arbeit als Sachbearbeiter sei für ihn die schönste Zeit gewesen, weil er seine Arbeit selbstständig einteilen konnte. „Wenn man mit dieser Freiheit richtig umgeht, dann kann man viel erreichen. Nichtsdestotrotz haben wir immer geackert wie die Blöden.“

Vor sechs Jahren wurde Lenhoff Chef des K 11, das für Gewalt- und Kapitalverbrechen zuständig ist. Der Erste Kriminalhauptkommissar kennt noch die Namen fast aller Opfer, mit denen er im Laufe der 36 Jahre bei der Kripo zu tun hatte. Besonders nahe ist es ihm gegangen, wenn Kinder getötet wurden. Die Ermittler holten sich deshalb auch psychologische Hilfe. Er habe die Erfahrung gemacht, dass die Realität am schrecklichsten ist. „Was ich an Brutalität erlebt und gesehen habe, ist schlimmer als jede Fantasie.“

Das sind Erlebnisse, die nahegehen. Um Abstand zu gewinnen, hat Lenhoff zu Hause nicht über seine Fälle gesprochen, auch wenn seine Frau manchmal verärgert über sein Schweigen war. Als Ausgleich hat er unter anderem Skitouren in den Alpen gemacht. Lenhoff hat aber selbst im Urlaub ein Gespür für spektakuläre Fälle. Als 1991 das wohl älteste bekannte Mordopfer der Welt, die Gletschermumie Ötzi, in Südtirol gefunden wurde und die Polizei das Gebiet abgesperrt hatte, fuhr der Ermittler aus Kassel mit seinen Skiern daran vorbei.

Zu der gestiegenen Zahl der Suizide in Kassel, die Lenhoff in Sorge versetzt, lesen Sie unten ein Interview mit einem Psychiater.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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