Pionierin in der Justiz

Erste Staatsanwältin in Kassel geht in den Ruhestand

Es war einer ihrer ersten Fälle: Ein Verfahren wegen Nötigung im Straßenverkehr. Ein BMW-Fahrer hatte den Fahrer eines Alfa geohrfeigt und saß deshalb auf der Anklagebank. Der Verteidiger des BMW-Fahrers meinte, der jungen Staatsanwältin klarmachen zu müssen, dass sie davon nichts verstehe.

„Ich als Frau könne nicht nachvollziehen, was in einem BMW-Fahrer vorgeht, der von einem Alfa überholt wird“, erzählt Amely Nordmeier. „Danach haben wir im Gerichtssaal alle schallend gelacht“, erinnert sich die 63-Jährige aus Kassel, die heute ihren letzten Arbeitstag hat.

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„Das Opfer hat nach wie vor die schlechteste Position. Erst wird es geschädigt und dann durch die Mangel gedreht, ob es auch die Wahrheit gesagt hat.“

Amely Nordmeier

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Vor 39 Jahren, im Juli 1975, war Amely Nordmeier mit 25 Jahren nicht nur die jüngste Staatsanwältin in der Bundesrepublik, sondern auch die erste Frau bei der Kasseler Ermittlungsbehörde. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wie dem Fall mit dem BMW-Fahrer, habe ihr Geschlecht bei der Arbeit nie eine Rolle gespielt. „Es ging immer nur um die Sache.“ Allerdings ist die „Frauenbeauftragte der ersten Stunde“ froh darüber, dass mittlerweile mehr Frauen als Männer bei der Staatsanwaltschaft in Kassel arbeiten, zumindest unter den einfachen Staatsanwälten.

Die gebürtige Westfälin hat nie bereut, sich für die Staatsanwaltschaft entschieden zu haben. „Was will so ein armes Opfer denn machen, wenn es nicht Leute wie mich gibt?“ Zwar habe sich das Bewusstsein für die Rechte von Opfern im Laufe der Jahre gebessert, sagt Nordmeier. „Das Opfer hat aber nach wie vor die schlechteste Position. Erst wird es geschädigt und dann durch die Mangel gedreht, ob es auch die Wahrheit gesagt hat.“ Im Zweifel gehe ein Verfahren immer zugunsten des Angeklagten aus, sagt die Staatsanwältin. „Es kannschließlich nur jemand verurteilt werden, der hundertprozentig überführt worden ist.“

Mitunter sei es auch vorgekommen, dass sie Verfahren einstellen musste, obwohl sie von der Schuld eines Menschen überzeugt war, die Tat aber nicht nachweisen konnte. „So etwas muss man mit Abstand betrachten. Das gehört zum Tagesgeschäft. Wenn man sich darüber aufregt, dann ist man an der falschen Adresse.“

Genauso müsse man Abstand zu den Straftaten wahren. „Wenn man mit jedem mitleidet, dann geht man kaputt.“ Manche Bilder kann die 63-Jährige aber nicht vergessen. Als ein Vater vor einigen Jahren seine drei Kinder mit Hammerschlägen auf den Kopf lebensgefährlich verletzte, war Nordmeier die ermittelnde Staatsanwältin. „Das war heftig. Es ist ein Wunder, dass die Kinder überlebt haben.“ Der Vater bekam lebenslänglich.

Mehr Zeit fürs Enkelkind

Um solche Fälle zu verarbeiten, hat sie immer mit ihrem Mann darüber gesprochen, der Vorsitzender Richter beim benachbarten Oberlandesgericht ist. Da Bodo Nordmeier nun 65 Jahre alt ist, muss er in den Ruhestand gehen. Seine Frau begleitet ihn auf diesem Weg. So hat das Paar, das zwei Söhne (32 und 30) hat, auch mehr Zeit für die Enkeltochter. Die ist am 4. Januar geboren.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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