Rathaus war ausgebrannt

Neustart für Demokratie: Erste Stadtverordnetenversammlung vor 75 Jahren in der Stadthalle

Überstand den Krieg ohne größere Schäden: In der Stadthalle fand nach dem Krieg die erste Stadtverordnetenversammlung statt. Die Aufnahme entstand um das Jahr 1920. Der
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Überstand den Krieg ohne größere Schäden: In der Stadthalle fand nach dem Krieg die erste Stadtverordnetenversammlung statt. Die Aufnahme entstand um das Jahr 1920.

Vor 75 Jahren lag Kassel in Trümmern. Auch das Rathaus war in der Bombennacht schwer beschädigt worden und ausgebrannt. Und trotzdem fand am 5. Juli 1946 wieder eine Stadtverordnetenversammlung statt.

Kassel - Es war die erste Stadtverordnetenversammlung nach dem Krieg und die erste nach der Nazidiktatur. Daran erinnern Stadtverordnetenvorsteherin Martina van den Hövel-Hanemann und Oberbürgermeister Christian Geselle. Das Datum stehe für die Wiedergeburt und den Neubeginn der Demokratie in Kassel.

Dieser Neubeginn fand unter schwierigen Bedingungen statt. An eine Stadtverordnetenversammlung im ausgebrannten Rathaus war nicht zu denken. Als Ersatz stand damals die Stadthalle im Vorderen Westen zur Verfügung. Während der damalige Oberbürgermeister Willi Seidel von den Amerikanern eingesetzt worden war, trafen sich vor 75 Jahren erstmals die neugewählten Stadtverordneten.

Bei der ersten freien Kommunalwahl nach dem Krieg war die Beteiligung aus heutiger Sicht enorm. 85,7 Prozent der Wahlberechtigten gingen an die Urne. Stärkste Fraktion wurde die SPD mit 51,6 Prozent, gefolgt von der CDU mit 25,5 Prozent, der Liberal-Demokratischen Partei (12,5 Prozent) und der Kommunistischen Partei (10,4 Prozent).

Er war der erste Oberbürgermeister nach dem Krieg: Willi Seidel wurde von den Amerikanern eingesetzt.

Den historischen Moment zu Beginn der Sitzung im Hochzeitssaal der Stadthalle beschrieb der Redakteur der Hessischen Nachrichten so: „Mit dem Zusammentritt der neuen Stadtverordnetenversammlung wendet sich nunmehr die städtische Verwaltung endgültig von dem Führerprinzip der Nazizeit ab. Sie stellt sich nach mehr als dreizehnjähriger Unterbrechung wieder auf den Boden demokratischer Grundsätze.“

Zum Stadtverordnetenvorsteher wurde damals Christian Wittrock (SPD) gewählt. Bis 1952 sollte die Stadthalle als Ersatz für das Rathaus genutzt werden. Hier wurden wichtige Entscheidungen für den Wiederaufbau getroffen. Als es um den umstrittenen Neubau des Staatstheaters ging, war die Besucherempore im Blauen Saal brechend voll.

Nur die Fassade stand noch: das ausgebrannte Rathaus nach 1945.

Außergewöhnlich war auch die Wiederwahl von Willi Seidel. 1948 wollte er mit Unterstützung der SPD für eine zweite Amtszeit antreten. Er erhielt 29 Stimmen, sein Gegenkandidat Fritz Oeller (Liberaldemokraten) ebenfalls. Die Entscheidung für Seidel fiel per Los. Sieben Jahrzehnte später kehren die Stadtverordneten übrigens in die Stadthalle zurück. Der Grund dafür ist die Corona-Pandemie.

Beim Blick zurück auf den Neustart 1946 dürfe man nicht vergessen, dass Kassel Teil der nationalsozialistischen Kriegs- und Terrormaschinerie gewesen sei. „Damit sich ein solches Unheil nie wiederholt, müssen wir unsere Demokratie wertschätzen und schützen“, so Oberbürgermeister und Stadtverordnetenvorsteherin in einer gemeinsamen Erklärung. (Thomas Siemon)

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