Kunstprojekt von Gunter Demnig zum Gedenken an NS-Opfer jetzt auch in Kassel

Erster Stolperstein kommt

Gedenken: Vor dem Haus, in dem Traugott Eschke wohnte, Firnskuppenstraße 15, wird ein Stolperstein verlegt. Heute lebt hier Urenkel Mario Wolf (links) mit seiner Familie. Jochen Boczkowski (rechts) von der Bürgerinitiative hatte Wolf ausfindig gemacht. Foto: Hein

Kassel. Demnächst gibt es auch in Kassel den ersten Stolperstein. Er wird am Donnerstag, 26. Mai, 10.30 Uhr, vor dem Haus Firnskuppenstraße 15 in Harleshausen verlegt. Die Gedenktafel soll an den von den Nazis politisch verfolgten Kommunisten Traugott Eschke (1895-1943) erinnern. Bis zu seiner Haft im Zuchthaus Wehlheiden, an deren Folgen er starb, hatte Eschke in Harleshausen gewohnt. Heute lebt hier sein Urenkel Mario Wolf mit seiner Familie.

„Ich bin so froh, dass endlich auch Kassel bei dem Stolperstein-Projekt mit dabei ist“, sagt Ingrid Pee, die lange für die Initiative Pro Habichtswald im Ortsbeirat Brasselsberg aktiv war. Pee hatte sich im Vorfeld für die Stolperstein-Aktion starkgemacht und eine Bürgerinitiative gegründet.

In Deutschland gibt es in 640 Ortschaften Stolpersteine, 28 000 wurden in ganz Europa verlegt. Mit dem Projekt will der in Köln lebende Künstler Gunter Demnig die Erinnerung an Opfer des NS-Regimes wachhalten. Mit kleinen Gedenktafeln aus Messing, die in den Bürgersteig eingelassen werden, soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Die Stolpersteine werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnorten der NS-Opfer in das Pflaster des Gehweges eingelassen. Finanziert wird die Aktion von den jeweiligen lokalen Bürgerinitiativen. Ein Stein kostet 90 Euro.

In Kassel war Demnigs Idee bislang auf wenig Resonanz gestoßen. Vielmehr war sie sogar zum Stein des Anstoßes geworden. Ebenso wie die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hatte auch Esther Haß von der Kasseler Jüdischen Gemeinde erklärt, dass sie die Aktion als „unangemessen und unwürdig“ ablehne. Es dürfe nicht sein, dass zum Gedenken an Ermordete des NS-Regimes Steine verlegt werden, auf die „jeder treten und spucken kann“.

Die Stadt hatte sich hinter die Jüdische Gemeinde gestellt und deren Einwände respektiert. „Das ist traurig“, sagt Demnig. Er wisse von vielen jüdischen Familien, deren Angehörige von NS-Schergen ermordet wurden, dass sie ein Gedenken in Form der Steine schätzten. Viele würden ihm anbieten, die Kosten zu übernehmen. „Das kommt natürlich nicht infrage, diese Kosten müssen andere tragen.“

Veto der jüdischen Gemeinde

Wegen des Vetos der Jüdischen Gemeinde gehe man jetzt in Kassel den „Münchner Weg“, sagt Demnig. Weil sich auch der Münchner Oberbürgermeister gegen die Stolperstein-Aktion stellt, wurden dort die 20 Münchner Stolpersteine ausschließlich auf Privatgrundstücken verlegt.

In Kassel findet die Aktion jetzt ebenfalls auf einem Privatgelände statt. „Wir beginnen mit dem politisch Verfolgten Traugott Eschke“, sagt Pee. Sie wünsche sich aber auch Stolpersteine für jüdische Naziopfer in Kassel. Vorschläge von Privatgrundstücken vor entsprechenden Häusern nehme sie entgegen, per E-Mail: ingridpee@gmx.de ARTIKEL RECHTS Archivfoto: nh

Von Christina Hein

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.