Erziehungswissenschaftler Harald Doenst bewertet Ausführungen

Gegenrede zu umstrittenen Homo-Ehe-Ansichten: "Kutschera liegt schlicht falsch"

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Viele homosexuelle Paare haben einen Kinderwunsch: Unser Archivfoto zeigt ein lesbisches Ehepaar mit Kind in Hollywood/USA.

Kassel. Der Kasseler Erziehungswissenschaftler Harald Doenst bewertet die Ausführungen des Biologen Dr. Ulrich Kutschera zur Homo-Ehe als "unwissenschaftlich". 

Herr Doenst, was ist es, das Sie an den Behauptungen Kutscheras stört?

Harald Doenst: Sie sind wissenschaftlich hanebüchen. So behauptet der Biologe Dr. Kutschera, Homosexualität sei genetisch bedingt. Das ist schlicht falsch und nicht erwiesen. Es gibt eine Theorie, dass Homosexualität ihren Ursprung in der Schwangerschaft hat. Kutschera benutzt so unwissenschaftliche und erfundene Begriffe wie „Falschpolung“. Er spricht vom „fehlenden Reproduktionspotenzial“ homosexueller Menschen. Wie falsch ist das denn? Es gibt doch genügend Homosexuelle, die sich reproduzieren und Eltern leiblicher Kinder sind.

Für Kutschera zählt allein das Familienkonstrukt Vater, Mutter, Kind...

Doenst: ... und diskriminiert damit drei Millionen Kinder, die in Deutschland bei einem oder wechselnden Elternteilen aufwachsen. Kutschera sollte sich mal mit anderen Wissenschaften befassen, bevor er krude Thesen aufstellt.

Kutschera hetzt, dass für unsere Rente, die „doofen Heteronormalos“ zuständig seien.

Doenst. Das ist doch schlicht falsch. In die Rentenkasse zahlen alle, unabhängig von sexuellen Ausrichtungen. Die Finanzierung der Gesellschaft von 80 Millionen Deutschen wird nicht unter einem kleinen Prozentsatz an Homo-Ehen leiden. Es gibt auch heterosexuelle Paare, die keine Kinder bekommen oder bekommen wollen. Wir leben in einer vergreisenden Gesellschaft mit einer Geburtenrate von 1,2 Kindern, aber das ist kein Homosexuellen-Problem.

Harald Doenst.

Ist Kutschera homophob?

Doenst: Er will nicht sehen, dass Homosexualität schon immer in allen Gesellschaften existierte und existiert, sogar in Tiergesellschaften. Sie gehört dazu, ob mit oder ohne Trauschein.

Kutschera spricht sich gegen Adoptionen aus, wettert, man könne Kinder nicht in die Obhut homosexueller Eltern ohne genetische Verbindung geben.

Doenst: Wir brauchen in Deutschland dringend mehr Adoptionen. Zu viele Kinder müssen in Heimen oder Pflegestellen leben. Eine Adoption ist dann gelungen, wenn die Annahme des Kindes bewusst erfolgt. Adoptionen werden begleitet und es gibt ein gutes Netzwerk an Hilfen.

Wie sieht es mit der von Kutschera beschworenen Gefahr sexueller Übergriffe aus?

Doenst: Das ist Blödsinn. Wir haben es leider mit der erschütternden Tatsache zu tun, dass Gewalt gegen Kinder, auch sexuelle Gewalt, in Familien zunimmt. Die Täter sind häufig Stiefväter aber auch die leiblichen Väter oder Verwandte, in der Regel heterosexuelle Männer. Das darf man doch nicht ausblenden.

Zur Person: Harald Doenst (Jahrgang 1937) hat in der Heimerziehung und in Kliniken gearbeitet, bevor er in Göttingen Erziehungswissenschaften, Psychologie und Psychiatrie studierte. Er war als Dozent an der Sozialakademie in Bremen tätig und kam dann nach Kassel zum Landeswohlfahrtsverband (LWV). Hier arbeitete er im Bereich Jugendhilfe, zuletzt als Dezernatsleiter. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und Großvater von drei Enkelkindern.

Der Kasseler Professor Kutschera hat homosexuelle Paare als "sterile Erotik-Duos ohne Reproduktionspotential" bezeichnet. Warum das geradezu menschenverachtend ist - unser Kommentar.

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