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Verwahrlosung im Betreuten Wohnen: Bürgermeisterin Friedrich fordert Qualitätskontrollen

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Von: Bastian Ludwig

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Auf Einsamkeit folgt nicht selten Alkohlsucht: Weil immer mehr alte Menschen – auch in Kassel – alleine leben, baut die Stadt ihre aufsuchenden Angebote für Senioren aus.
Auf Einsamkeit folgt nicht selten Alkohlsucht: Weil immer mehr alte Menschen – auch in Kassel – alleine leben, baut die Stadt ihre aufsuchenden Angebote für Senioren aus. © dpa

Nach einem Fall von Verwahrlosung in einer Anlage für Betreues Wohnen in Kassel hat Bürgermeisterin Ilona Friedrich (SPD) Position bezogen. Sie fordert Mindeststandards für Betreutes Wohnen.

Kassel - Vor Kurzem berichteten wir über eine 92-Jährige, die im Convivo-Park Fasanenhof lebt. In der Anlage für Betreutes Wohnen hatte sie ihr Neffe in einer verwahrlosten Wohnung vorgefunden. Der Anbieter Convivo sah sich dafür nicht in der Verantwortung. Als Dienstleister sei er nur mit der Pflege der Dame beauftragt worden. Für den Zustand der Wohnung sei er nicht verantwortlich.

Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Ilona Friedrich (SPD) fordert auch vor dem Hintergrund solcher Fälle Qualitätskriterien für Wohnanlagen, die als „Betreutes Wohnen“ angeboten werden. „Es fehlen die Mindeststandards. Der Begriff Betreutes Wohnen ist leider nicht geschützt“, so Friedrich.

Im konkreten Fall will die Stadt Kontakt mit der Bremer Unternehmensgruppe Convivo aufnehmen, um über die Probleme zu sprechen. Wobei die Bürgermeisterin klar stellt, dass es sich hier um einen krassen Einzelfall handele. „Wir beobachten keine allgemeine Zunahme von Verwahrlosung im Alter.“ Sicherlich gebe es aber immer mehr alleinlebende alte Menschen, die auf Unterstützung bei der Haushaltsführung angewiesen seien. Dies führe aber nicht zwangsläufig zu Verwahrlosung.

Petra Engelhardt von der städtischen Beratungsstelle „Älter werden“ hat die Erfahrung gemacht, dass es vielen Menschen schwerfalle, im Alter Hilfe anzunehmen. „Wenn die Wohnung erst mal unordentlich ist, kommt die Scham ins Spiel.“ Zudem sei es nicht einfach, einen anerkannten Dienstleister allein für hauswirtschaftliche Tätigkeiten zu finden. Die Pflegekasse gewähre für solche Leistungen 125 Euro, davon könnten – je nach Anbieter – bis zu vier Stunden bezahlt werden. Für die Dienstleister sei dies nicht besonders attraktiv – wenn sie nicht zusätzlich auch mit den Pflegeleistungen beauftragt würden. Zudem seien vier Stunden nicht immer ausreichend, um eine Wohnung in Ordnung zu halten.

In Kassel gebe es 60 ambulante Pflegedienste. Gemeinsam mit den stationären Angeboten kümmern sie sich um etwa 12 200 pflegebedürftige Menschen. Im Bereich der Hauswirtschaftshilfe sei das Angebot eingeschränkt. Es fehlten Träger und Personal.

Um sich verstärkt um die Probleme der alten Menschen zu kümmern, bildet die Stadt Sorgeassistentinnen und Sorgeassistenten aus. Diese werden in der Basispflege und hauswirtschaftlicher Unterstützung geschult. Das Angebot setzte unterhalb einer Ausbildung in der Altenpflegehilfe an und werde gut angenommen, so Friedrich.

„Wir wollen mehr aufsuchende Arbeit machen“, sagt Sozialamtsleiterin Anja Deiß-Fürst. Vorbilder dafür gebe es in skandinavischen Ländern.

So sei mit den präventiven Hausbesuchen ein weiteres Angebot im Aufbau. Dazu werden die älteren Menschen aber zunächst angeschrieben und gefragt, ob sie dies wünschen. Ein Pilotprojekt fand bereits in Bettenhausen statt – nun soll das Angebot auf weitere Stadtteile ausgeweitet werden. Anderthalb Stellen werden für den Bereich geschaffen.

„Um Probleme frühzeitig zu erkennen, braucht es Beziehungsarbeit. Wir müssen in die Quartiere gehen und dort auch davon überzeugen, dass es keine Schwäche ist, Hilfen anzunehmen“, sagt Engelhardt. Immer mehr Menschen lebten alleine.

Aktuell leben 19 700 Menschen über 60 Jahre in Kassel in Einpersonenhaushalten. Diese dürften nicht im Stich gelassen werden. Einsamkeit mache krank. (Bastian Ludwig)

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