„Es gibt Leute, die nicht bereit sind, anderen zuzuhören“

Biologe sieht Wissenschaftsfreiheit in Gefahr: Auch rechte Thesen müssen gehört werden

AfD-Mitgründer Lucke hält erste Uni-Vorlesung
16.10.2019, Hamburg: Bernd Lucke, Wirtschaftswissenschaftler und AfD-Mitbegründer, verlässt nach seiner verhinderten Antrittsvorlesung den Hörsaal der Universität Hamburg. Mehrere hundert Demonstranten haben an der Universität Hamburg die erste Vorlesung von AfD-Mitbegründer Bernd Lucke seit dessen Rückkehr an die Uni verhindert. Foto: Markus Scholz/dpa
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Umstritten: Als AfD-Mitgründer Bernd Lucke im Oktober 2019 seine Vorlesung an der Uni Hamburg halten wollte, verhinderten das Studierende zunächst.

Ist die Wissenschaftsfreiheit an den Universitäten in Gefahr? Der Biologe Jan Barkmann befürchtet genau das, weil viele den Diskurs verweigerten.

Kassel – In einem HNA-Interview kritisierte der Politik-Professor Aram Ziai vor einigen Wochen das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, weil es sich gegen einen angeblich linken Mainstream an den Universitäten wende und so die Wissenschaftsfreiheit gefährde. Der Biologe Jan Barkmann, Professor für Risiko- und Nachhaltigkeitswissenschaften an der Hochschule Darmstadt, gehört dem Netzwerk an, und klagt: Auch an deutschen Universitäten könnte die Wissenschaftsfreiheit bald ernsthaft in Gefahr sein - und zwar auch deshalb, weil kritische Meinungen schnell als rechts abgetan werden und man sich nicht mehr mit ihnen auseinandersetzen will.

Wo fühlen Sie persönlich sich eingeschränkt in Ihrer wissenschaftlichen Freiheit?
Ich selbst bin nicht derzeit nicht eingeschränkt, habe aber grenzwertige Erfahrungen gemacht. So ist es vorgekommen, dass wissenschaftlichen Projektpartnern ihre politischen Vorstellungen wichtiger waren als unvoreingenommene Forschung. Und in Göttingen haben vor Jahren „autonome“ Studenten versucht, einen Gruppenraum zu erstreiten. Die haben dann tagelang den Hochhauszugang besetzt, und wir konnten nicht ins Büro. Das war nicht so lustig.

Der Historiker Andreas Rödder klagt, dass der Konformitätsdruck dafür sorge, dass man Anträge so formuliere, wie die Entscheider in den Gremien es gern hätten, also etwa mit Genderstern. Kennen Sie dieses Problem beim Werben um Drittmittel? 
Ich selbst gendere seit über 30 Jahren. Pragmatisch Forschende schreiben gern, was die Fördergeber hören wollen. Das kann der Genderstern und das können angesagte Begriffe wie „Klimawende“ sein. Sprache ist aber ein zentrales Werkzeug in der Wissenschaft. Wenn mir Teile meiner Sprache aus ideologischen Gründen vorgeschrieben werden, ist das problematisch. Weder sollen die Lehrenden den Studierenden, noch die Hochschulleitungen den Lehrenden Sprachvorschriften machen. Auch nicht an der Universität Kassel, wo Studierenden zuletzt Punkte abgezogen werden konnten für den Fall, dass sie nicht gendern.

Weshalb engagieren Sie sich im Netzwerk Wissenschaftsfreiheit?
Ich hatte mehrere Fälle aus dem angloamerikanischen Raum verfolgt, in denen Kolleginnen und Kollegen massiv unter Druck kamen. Solche Zustände möchte ich verhindern. Davon sind wir glücklicherweise noch entfernt. Anfang 2021 war der Althistoriker Egon Flaig zu einem Fachvortrag an die Uni Osnabrück eingeladen. Flaig sagt politisch Dinge, die ich als Grüner gewiss nicht immer teile. In Osnabrück verlangte die Studierendenvertretung, Flaig auszuladen. So geht das nicht. Universitäten sind Orte der argumentativen Auseinandersetzung. Wem Flaigs Ansichten „zu rechts“ sind, kann sie gern kritisieren. Aber er hat das Recht, sie an Hochschulen vorzutragen.

Wo ziehen Sie da die Grenze? Würden Sie auch jemanden wie den AfD-Rechtsaußen Björn Höcke in den Hörsaal einladen?
Schwierig zu sagen. Wenn es im Rahmen eines politikwissenschaftlichen Seminars über das Völkische wäre, würde ich das nicht ausschließen. Solche Seminare gebe ich aber nicht. In Siegen waren 2018 Thilo Sarrazin und ein AfD-Politiker zur Meinungsfreiheit eingeladen. So ein Seminar ist riskant - und es gab massive Proteste. Veranstaltungen mit „umstrittenen“ Leuten müssen aber einer Hochschule möglich sein. 

Sie haben schon vor 30 Jahren im Kommunalwahlkampf Programme für die Grünen abgetippt und sind noch immer in der Partei. In Medienberichten heißt es oft, das Netzwerk bestehe aus konservativen und umstrittenen Wissenschaftlern. Wo verorten Sie sich selbst und das Netzwerk?
Das Netzwerk ist politisch sehr breit aufgestellt. Es gibt linksliberale bis hin zu rechtskonservativen Mitgliedern. Ich gehöre da sicher zu den vielen liberalen Mitgliedern. 

Es gibt aber auch Mitglieder, die in der neurechten „Bibliothek des Konservatismus“ in Berlin aufgetreten sind, einem Zentrum der Neuen Rechten. Wie grenzen Sie sich nach rechts außen ab?
Ganz ehrlich: Das interessiert mich in Bezug auf das Netzwerk überhaupt nicht. Wir haben uns zusammengetan, um die Freiheit der Wissenschaft zu fördern und Gefährdungen abzuwehren. Auch wenn es um weit rechts stehende Kollegen geht. In den USA und England geht es längst nicht nur „den Rechten“ an den Kragen, sondern selbst Mainstream-linken Kollegen und Kolleginnen, etwa genderkritischen Feministinnen. Unsere Satzung schließt im Übrigen die Aufnahme von Verfassungsfeinden aus.

Ihr Kollege Ziai sagt, Studenten würden einfach gegen fragwürdige Thesen von konservativen Wissenschaftlern protestieren. Darf Wissenschaft Ihrer Ansicht nach nicht mehr kritisiert werden?
Natürlich dürfen sie kritisieren. Aber es gibt Leute, die nicht bereit sind, anderen zuzuhören. So wurden etwa die Hamburger Vorlesungen des AfD-Gründers Bernd Lucke massiv gestört. Es treten zahlenmäßig kleine Gruppen von Studierenden auf, die eine ganz klare Meinung haben, welche Personen und Meinungen sie zulassen wollen. Das geht nicht. 

Laut Ziai ist die AfD eine Gefahr für die Wissenschaftsfreiheit. Können Sie das nachvollziehen? 
Die AfD ist eine heterogene Organisation – wie die Grünen in ihrer Anfangszeit. Das Netzwerk hatte im Juli die wissenschaftspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen zu einem Videogespräch geladen. Da hat sich Marc Jongen von der AfD klar für die individuelle Wissenschaftsfreiheit ausgesprochen. Daran werde ich die AfD messen. Das Netzwerk hat selbstverständlich die Diversity-Forscherin Auma unterstützt, deren Wissenschaftsfreiheit von einem AfD-Politiker angegriffen wurde.

Laut Umfragen hat eine Mehrheit der Deutschen das Gefühl, nicht mehr alles sagen zu dürfen. Gibt es etwas, das Sie gern sagen würden, sich aber nicht trauen?
Ja, es scheint sich eine Art Schweigespirale auszubreiten. Ich persönlich habe da wenig Angst. Für Jungwissenschaftler ohne festen Vertrag kann es problematischer sein. Wir brauchen ein offenes Meinungsklima an den Hochschulen, keine Sprech- und Forschungsverbote – weder von links noch rechts. 

Sind wir gerade dabei, den kontroversen Austausch, der für eine Demokratie ebenso wichtig wie für die Wissenschaft ist, zu verlernen?
Ich hoffe nicht. Meinen Studierenden sagte ich gelegentlich bei kontroverseren Themen: „Jetzt kommt meine Meinung, das ist nicht der Lernstoff für die Klausur. Halten Sie dagegen, widersprechen Sie mir.“ Mein Anspruch ist es, das Wahrheitsmoment auch im anderen Argument zu suchen und zu finden. Dafür muss ich mich dem anderen Argument aber aussetzen wollen – auch ganz anderen und „umstrittenen“ Argumenten.

(Matthias Lohr)

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