„Der Attentäter wurde vor allem durch die AfD radikalisiert“

Ein Jahr nach Terror von Hanau: „Es hätte jeden von uns treffen können“

Die Namen der Opfer sollen nicht vergessen werden: Die Porträts der von einem Rechtsextremisten getöteten Menschen hingen auch am Brüder-Grimm-Denkmal in der Hanauer Innenstadt.
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Die Namen der Opfer sollen nicht vergessen werden: Die Porträts der von einem Rechtsextremisten getöteten Menschen hingen auch am Brüder-Grimm-Denkmal in der Hanauer Innenstadt. Ein Jahr nach dem rassistischen Attentat gibt es zahlreiche Gedenkveranstaltungen in Hessen.

Vor einem Jahr tötete ein Rechtsextremist in Hanau neun Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Nordhesse, der aus der Türkei stammt, erzählt, wie die Tat auch sein Leben verändert hat.

Kassel – Nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund wie Namik Sarikaya hat der Terror-Anschlag von Hanau tief getroffen. Mit der Initiative 6. April hat der Familienvater aus Fuldatal darum eine Kundgebung organisiert. Mit ihr wird am Freitag ab 17 Uhr vor dem Kasseler Rathaus an die neun Menschen erinnert, die am 19. Januar vorigen Jahres von einem Rechtsextremisten in der Stadt östlich von Frankfurt erschossen wurden. Wir haben mit dem 49-jährigen Sarikaya über den Terror und dessen Folgen gesprochen.

Wissen Sie noch, wo Sie heute vor einem Jahr waren, als Sie die schrecklichen Nachrichten aus Hanau hörten?
Nein, aber als ich die erste Meldung hörte, war ich erstarrt. Ich dachte, es passiert einfach immer wieder. Rechtsradikale Morde und Anschläge haben ja nicht erst mit dem NSU angefangen. Und sie hören nicht einfach auf, weil im NSU-Prozess ein Urteil gefallen ist. Dort wurde nur sehr wenig aufgeklärt. Wenn wir so weitermachen, wird es nie aufhören.
Wie sehr hat das Attentat auch Ihr Leben verändert?
Hanau hat noch einmal unterstrichen, dass die Gesellschaft systematisch gespalten ist und Rechtsradikale immer weitermachen. Ich habe zwei Töchter. Schon seit dem NSU mache ich mir Gedanken, ob sie auch so friedlich leben können wie ich in den letzten 40 Jahren, seitdem ich nach Deutschland gekommen bin. Der Verfassungsschutz hat Feindeslisten von Rechtsradikalen mit 26 000 Namen sichergestellt. Niemand weiß, wer da alles drauf steht. Draußen laufen immer noch viele Rechtsradikale herum, die als gefährlich eingestuft werden. Wohl fühlen wir uns dabei nicht. Ich habe einmal sogar meinen Namen von der Klingel gelöscht, weil ich mich bedroht fühlte.
Wieso haben Sie das gemacht?
Ich saß mit einem Mann aus Zwickau in einem beruflichen Seminar, der dort erzählte, dass er Kommunisten und Kinderschänder mit der Hitlersäge an die Wand stellen will. Er prahlte auch damit, dass er Menschen mit Migrationshintergrund zusammengeschlagen hat. Ich habe einen Bericht an meinen Vorgesetzten geschrieben. Mein Arbeitgeber hat die richtigen Maßnahmen getroffen. Es gab ein Disziplinarverfahren gegen den Kollegen. Aber danach bin ich vorsichtiger geworden.
Wie groß ist Ihre Angst, selbst Opfer eines rassistischen Anschlags zu werden?
Ich denke nur manchmal daran. Ich habe auch nicht um mich Angst. Meine ältere Tochter studiert Jura in Halle. Dort trifft sie auf der Straße auch schon mal Gruppen, bei denen sie aufpassen muss. Und auch jeder, der sich gegen rechts wehrt, könnte ein Opfer werden. Schon die Ermordung von Halit Yozgat durch den NSU hat gezeigt: Es hätte jeden von uns treffen können. Wir können uns nicht sicher fühlen. Wichtig ist, dass wir endlich aufstehen und auf die Straße gehen. Denn auch jemand wie Bundesinnenminister Horst Seehofer trägt mit seiner Haltung zum Racial Profiling zur Spaltung der Gesellschaft bei.
Nach den Morden in Hanau und auch an Walter Lübcke sagen Politiker oft, dass Rassismus und Gewalt mit aller Macht bekämpft werden müssen. Nehmen Sie ihnen das ab?
Nein, denn es ist schon viel gesagt worden. CDU-Politiker wie Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier haben erklärt, dass die NSU-Morde lückenlos aufgeklärt werden müssen. Das ist bis heute nicht passiert. Nicht nur wegen der Verwicklung des Verfassungsschützers Andreas Temme in den Mord an Halit Yozgat nehmen viele Menschen Bouffier nicht ab, dass er ein wirkliches Interesse an der Aufklärung hat.
Wie kam es dazu, dass Sie die heutige Gedenkkundgebung mitorganisiert haben?
Ich engagiere mich im Demokratischen Kulturverein und war dort viele Jahre im Vorstand. Migranten aus der Türkei haben ihn 1980 gegründet, damit Einwanderer besser in die Gesellschaft integriert werden und die Rechte bekommen, die dafür notwendig sind. Denn solange dies nicht geschieht, wird die Gesellschaft gespalten sein. Ziel unseres Vereins ist es, überflüssig zu werden. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Auch das zeigt das Attentat von Hanau. Ich will, dass die Namen der Opfer nicht vergessen werden.
Die Angehörigen der Opfer fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen – unter anderem auch deshalb, weil der ebenfalls rechtsextreme Vater des Attentäters sie weiter einschüchtert. Hatten Sie Kontakt zu den Angehörigen, die in einem ehemaligen Ladengeschäft in Hanau einen Treffpunkt eingerichtet haben?
Nein, aber ich kann verstehen, dass sie kein Vertrauen mehr in die Behörden haben. Nach den Morden am ersten Tatort hatte der Attentäter Zeit, weiter Menschen zu erschießen. Und danach konnte er noch sich selbst und seine Mutter umbringen. Die Notrufzentrale konnte nicht erreicht werden. Wie kann das sein? Der Attentäter war kein Einzelfall. Er wurde durch die Gesellschaft und vor allem durch die AfD radikalisiert. Es muss einiges passieren, damit wir wieder Vertrauen in die Behörden haben. Es ist Aufgabe der gesamten Gesellschaft, das zu ändern.

Gedenkkundgebung am Freitag, 17 Uhr, Treppe am Rathaus. Veranstaltung der Initiative 6. April, unterstützt vom Ausländerbeirat. Die Stadt ruft ihre Mitarbeiter zu einer Schweigeminute um 10 Uhr auf. (Matthias Lohr)

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