„Es hat Kassel einfach erwischt“

„Querdenken“-Demos in Kassel: Expertin klärt auf – Deshalb sind Verschwörungstheorien so beliebt

Giulia Silberberger vergibt mit ihrer Organisation den „goldenen Aluhut“ für die Verschwörungstheorien des Jahres.
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Giulia Silberberger vergibt mit ihrer Organisation den „goldenen Aluhut“ für die Verschwörungstheorien des Jahres.

Giulia Silberberger erklärt, warum Verschwörungstheorien so beliebt sind. Die Expertin befürchtet, dass die „Querdenker“ noch radikaler werden.

Kassel – Giulia Silberberger ist eine der gefragtesten Gesprächspartnerinnen, wenn es um Verschwörungstheorien geht. Die 40-Jährige weiß, wovon sie redet: Sie wuchs bei den Zeugen Jehovas auf. Ihre Mutter war Reichsbürgerin. Mit der von ihr gegründeten Organisation „Der goldene Aluhut“ verleiht Silberberger jedes Jahr den satirischen Negativpreis „Der goldene Aluhut“ für die Verschwörungstheorien des Jahres.

Am Donnerstag gibt die Berlinerin bei einer Online-Veranstaltung des Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus und Rassismus (MBT) sowie der Volkshochschule Auskunft zum Umgang mit Verschwörungsgläubigen.

Während der Pandemie haben Verschwörungstheorien breiten Zulauf erhalten. Mittlerweile gehen die Teilnehmerzahlen bei „Querdenker“-Demonstrationen zurück. Haben wir das Schlimmste überstanden?
Bedauerlicherweise nicht. Es wird sich nur auf mehr Gruppen verteilen. Mit der Pandemie haben es Verschwörungstheorien in die Mitte der Gesellschaft geschafft. Das Perfide ist: Sie existierten alle schon vor Corona - ob es um den Deep State geht, der gegen Donald Trump arbeiten soll, oder die Merkel-Diktatur, von der Reichsbürger schon länger redeten. Dies alles hat in der Pandemie viele Menschen angesprochen, weil die Erforschung von Corona anfangs noch nicht weit genug war. Sie haben ihre offenen Fragen durch Schwurbel ersetzt. Zusammengefunden haben sie durch das globale Ereignis. Für die Demokratie ist das eine große Gefahr.

Mit dem Klimawandel scheinen die „Querdenker“ bereits ein neues Thema entdeckt zu haben. Viele stellen ihn infrage.
Ja, es könnte sein, dass die Ökobewegung von Klimawandelleugnern unterwandert wird. Das wird einen Zacken härter, weil wir nicht mehr viel Zeit haben, die Erderwärmung abzubremsen. Es werden sich neue Gruppen und Parteien bilden, die sich gegen alles angeblich „Linksgrünversiffte“ wenden.

Aber die „Querdenker“-Bewegung besteht nicht nur aus Rechten, sondern ist sehr heterogen.
Ja, das ist wie bei der „Querfront“, wo 2014 infolge des Ukraine-Konflikts Linke und Rechte gemeinsam demonstrierten. Es ist auch keine Menschengruppe davor gefeit, Verschwörungstheorien auf den Leim zu gehen. Wie schon vor Jahrhunderten geht es meist um die da oben, die das Volk da unten unterdrücken wollen. Dazu kommt ein Heldengedanke. Die „Querdenker“ glauben, alle anderen seien zu doof und nicht in der Lage zu kämpfen. Darum müssen sie befreit werden. Es gilt immer noch der Satz: „Angst essen Seele auf.“

„Der goldene Aluhut“, den Sie mit Ihrer Organisation verleihen, ist ein Satirepreis. Über welche Verschwörungstheorie mussten Sie am meisten lachen?
Eigentlich ist mir das Lachen vergangen. Trotzdem bleibt Humor ein gutes Mittel, um damit umzugehen. Als Science-Fiction-Fan finde ich die Verschwörungstheorie von den Nazis lustig, die in der Antarktis in einem angeblichen „Neuschwabenland“ Zuflucht gefunden haben. Auch die Prophezeiung der „Querdenker“, dass wir Geimpften im September alle sterben werden, ist kurios. Am besten finde ich aber Aktionen von Aktivisten. So hat der fiktive Reisedienst Annette Fahrgemeinschaften zu den verbotenen Demos in Berlin angeboten, die „Querdenker“ aber nicht abgeholt. Die standen dann verloren an den Haltestellen rum. Das ist vielleicht nicht ganz legal, aber ein schönes Beispiel von Gegenprotest.

Trotzdem sind Verschwörungstheorien ein ernstes Thema. Viele fühlen sich ohnmächtig, wenn Freunde und Verwandte nur noch in Telegram-Gruppen zuhause sind. Wie soll man mit diesen Menschen umgehen, die man ja nicht verlieren will? 
Das ist super schwer. Ich hätte gern eine Formel dafür, aber die gibt es nicht. Ist jemand auf Fake News reingefallen, was jedem mal passieren kann, kann man mit ihm darüber sprechen und auf Fakten-Checks hinweisen. Schwieriger wird es, wenn sich jemand schon in den Verschwörungstheorien verrannt hat. Die funktionieren über Emotionen. Oft heißt es, die Menschen würden betrogen und belogen. Und besonders emotional wird es dann in Communitys im Netz, in denen man sich wie in einer Sekte verfängt. Bei Widerspruch wird schnell sehr wütend reagiert. Da empfehlen wir dann Beratungsstellen. Gefragt ist eine Mischung aus Empathie und Fakten. Und ich würde W-Fragen stellen: Warum glaubst du das? Wieso sollten die das machen? 

Kann man in solchen Fällen überhaupt noch argumentieren?
Nur schwer, meistens endet das nicht gut. Streit bringt gar nichts. Wer den anderen als „Nazi“, „Spinner“ oder „Aluhut“ beschimpft, treibt ihn nur noch weiter von sich weg. In einer Welt, in der jeder im Internet etwas sagen kann, haben viele Menschen nicht das Gefühl, gehört zu werden. Darum ist es geboten, den Kontakt aufrecht zu erhalten - etwa indem man über andere Dinge redet. 

Sie sagen, die Generation über 40 sei besonders anfällig für Verschwörungstheorien. Warum ist das so?
Da liegt oft an der fehlenden Medienkompetenz. Wie man sich im Internet zurechtfindet, haben viele in unserer Generation nicht gelernt. Sie sind aufgewachsen in einer Welt, in der Publikationen Filter durchlaufen haben. Darum erklären wir in Bildungsangeboten, wie man Fake News entlarven kann - etwa durch eine Rückwärtsbildersuche bei Google.

Ihre Mutter trat den Zeugen Jehovas bei, als Sie knapp zehn waren. Sie sind in dieser Sekte aufgewachsen. Später wurde Ihre Mutter zur Reichsbürgerin. Konnte Sie sich mit ihr noch aussprechen vor Ihrem Tod?
Nein, gar nicht. Es wurde immer schlimmer mit ihr. Oft werde ich gefragt, wie ich aus der Sekte ausgestiegen bin. Ich weiß es nicht. Es ging darum zu leben oder zu sterben. Ich habe mich für das Leben entschieden. Als ich ausgestiegen war, habe ich mich an die Menschen gewandt, die mir zuvor mit Respekt begegnet waren, und nicht an die, die mich in eine Ecke gestellt hatten. Das war eine wichtige Erfahrung.

„Der goldene Aluhut“ ging bereits an die „Querdenker“ und die impfskeptischen Waldorfschulen. Wie unterschiedlich reagieren die Preisträger auf die Auszeichnung? 
Sehr. Der Journalist Martin Lejeune hat sich den Preis in feinem Zwirn abgeholt. Andere haben uns verklagt. Manche Preisträger finde ich auch supernett. Ich denke dann: Wenn wir uns unter anderen Umständen getroffen hätten, hätten wir uns sympathisch gefunden.

Kassel hat im März Schlagzeilen gemacht durch eine große Anti-Corona-Demo. Vorher hat bereits Jana aus Kassel für Aufsehen gesorgt. Die Freien Bürger Kassel sind an der Koordinierung weltweiter Demos beteiligt. Ist die Stadt eine Hochburg von Verschwörungsanhängern?
Nicht unbedingt. Kassel hat mich überrascht. Die Demo am 20. März habe ich mir in sechs Livestreams angeschaut. Ich hatte zuvor in Kassel mehrere Vorträge gehalten. Es ist eine gebildete Stadt. Es hat Kassel einfach erwischt. Die „Querdenker“ hätten sich genauso gut in Hannover treffen können. Die meisten Demonstranten kommen bei solchen Veranstaltungen ohnehin von außerhalb. Auf Berliner Demos höre ich die Menschen auf Schwäbisch, Bayerisch und Sächsisch grölen, aber fast nie im Berliner Dialekt.

Wie könnte die Spaltung der Gesellschaft, von der oft die Rede ist, nach Corona überwunden werden?
Das wird eine harte Aufgabe. Ich habe auch keine Lösung, werde aber weiter versuchen zu vermitteln. Von der Politik erwarte ich, dass sie die Sorgen der Menschen ernst nimmt. Es ist nicht zielführend, Probleme von einer Legislaturperiode zur nächsten zu verschieben. Das ermüdet das Volk. Zumal klar sein sollte: Die Pandemie ist nur der Vorgeschmack auf alles, was kommen wird.

„Bill Gates will uns alle chippen und die Eliten machen mit!“ Wie umgehen mit Verschwörungsgläubigen? Online-Veranstaltung mit Giulia Silberberger und Christopher Vogel (MBT). Donnerstag, 18 Uhr. Anmeldung bis Mittwochabend unter: zu.hna.de/aluhut

Von Matthias Lohr

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