Leiter der AG Poser im Interview

Kampf gegen Raser und Autoposer in Kassel: So geht die Polizei gegen die Fahrer vor

Im Kampf gegen Raser und lautstarke Motoren: Die AG Poser hat seit Mitte Mai dieses Jahres 774 auffällige Autos in Kassel kontrolliert.
+
Im Kampf gegen Raser und lautstarke Motoren: Die AG Poser hat seit Mitte Mai dieses Jahres 774 auffällige Autos in Kassel kontrolliert.

Seit Mitte Mai gibt es in der Verkehrsinspektion des Polizeipräsidiums Nordhessen die AG Poser. Über die Arbeit der AG sprachen wir mit Polizeihauptkommissar Thomas Junghans.

Kassel- Seit Mitte Mai haben die Beamten der AG Poser in insgesamt 2846 Arbeitsstunden 774 Fahrzeuge kontrolliert. 500 Verstöße wurden an Autos oder bei Fahrern festgestellt. Bei 125 Fahrzeugen erlosch die Betriebserlaubnis. Wir sprachen mit Polizeihauptkommissar Thomas Junghans, Leiter der AG Poser, über die Kontrollen, ihre Ursachen und die Folgen.

Wie kam es dazu, dass im Frühjahr die AG Poser gegründet wurde?
Die Meldungen über Raser und Poser im Kasseler Stadtgebiet hatten plötzlich stark zugenommen. Uns wurden zum Beispiel vermehrt Rennen auf der Dresdener Straße in Richtung Heiligenrode gemeldet. Die Poser waren überall dort unterwegs, wo man gesehen wird. Wie auf der Friedrich-Ebert-Straße. Ich führe diese Entwicklung auf Corona zurück. Viele Leute waren plötzlich in Kurzarbeit oder arbeitslos. In der Stadt herrschte zudem weniger Verkehr. Da haben sich einige gedacht, dass sie ruhig mit 100 km/h durch Kassel fahren können, was lebensgefährlich ist.
Wie sieht die Arbeit der AG Poser aus?
Seit Mitte Mai waren wir mit sieben Beamten zu „kundenorientierten Arbeitszeiten“ unterwegs, das heißt ab 22 Uhr. Wir haben Kollegen in der AG Poser, die seit ihrem Bestehen vor 16 Wochen jeden Freitag und Samstag gearbeitet haben. Allerdings freiwillig.In dieser Zeit haben wir 125 Autos aus dem Rennen genommen, weil nach der Kontrolle die Betriebserlaubnis erloschen ist. Da musste zum Beispiel etwas zurückgebaut werden oder es waren falsche Reifen auf dem Fahrzeug.
Wird das für die Fahrer nicht teuer?
Das Erlöschen der Betriebserlaubnis ist eine Ordnungswidrigkeit, die zwischen 90 und 135 Euro kostet. Das geht eigentlich noch. Aber die Folgekosten können immens hoch sein. Wenn ein Auto zum Beispiel zu laut ist, dann beauftragen wir einen Gutachter, dessen Gutachten zwischen 700 und 1100 Euro kostet. Das tut weh. Ebenso, wenn die Fahrer vier Wochen auf ihr Auto verzichten müssen, bis es zurückgebaut und wieder zugelassen ist.
Apropos Geld - viele der Fahrer, die von der AG Poser in großen Autos gestoppt wurden, sind noch sehr jung. Wie können die sich solch einen Wagen mit Anfang 20 leisten?
Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Wir haben einen jungen Mann in einem Mercedes AMG C 63 angehalten, der neu rund 100 000 Euro kostet. Das Auto war manipuliert und musste deshalb sichergestellt werden. Der junge Man sagte zu uns, dass er wohl jetzt richtig Ärger bekomme. In der kommenden Woche sollte nämlich sein Cousin den Wagen fahren. Es hat sich dann herausgestellt, dass vier Familien für ihre Söhne den Mercedes zusammengekauft haben. Solch ein Verhalten ist scheinbar kulturell bedingt. Diesen Familien geht es darum, ihre Söhne gut dastehen zu lassen. Davon abgesehen gibt es sicherlich viele Fahrzeuge, die finanziert werden.
Werden Sie und Ihre Kollegen von den Fahrern akzeptiert?
In den ersten zwei Wochen hat es schon an Akzeptanz gefehlt. Die meisten, die wir angehalten haben, waren es nicht gewohnt, von jemandem kontrolliert zu werden, der Ahnung von Autos hat. Mittlerweile werden wir von vielen Fahrern sogar gegrüßt.
Von Rasern?
Man muss die Szene in drei Lager unterteilen. In Tuner, Poser und Raser. Es gibt ganz selten einen Tuner, der rast und posed. Tuner bauen einen Spoiler an ihr Auto und genießen es, abends zusammen mit ihren Autos auf einem Parkplatz zu stehen und eine Palette Red Bull zu trinken. Das sind die Vernünftigen. Die freuen sich sogar über unsere Arbeit und schimpfen über die ‘blöden Raser und Poser‘, die ihnen den Ruf kaputtmachen.
Was macht ein Poser?
Der fährt zum Beispiel mit seinem großen Mercedes oder BMW durch Kassel, lässt den Motor aufheulen und versucht, so viele Blicke und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wie möglich. Dieser unnötige Lärm ist Grund vieler Beschwerden von Anwohnern. Poser können mit ihren Autos auch rasen, müssen es aber nicht unbedingt. Und die Raser sind jene, die nur Spaß am Schnellfahren haben. Das sind die Gefährlichsten. Wir haben einen mit Tempo 205 angehalten, der bei Vellmar in Richtung Hofgeismar unterwegs war. Da ist Tempo 80 erlaubt. Wir hatten auch einige, die mit 120 km/h durch die Stadt gefahren sind. Die Raser versauen den Tunern den Ruf.
Im August haben etwa 60 Sportwagenfahrer in Kassel demonstriert, um zu zeigen, dass nicht alle von ihnen Raser sind. Ein Vorwurf lautete, dass seit Gründung der AG Poser der Eindruck entstanden sei, dass alle Sportwagenfahrer rücksichtslos sind. Können Sie die Kritik, die in Richtung Polizei und Medien geht, verstehen?
Ja, vom Grundgedanken kann ich schon verstehen, dass sich Autoliebhaber von Rasern und Posern abgrenzen wollen. Allerdings waren bei der Demo auch vereinzelte Autofahrer dabei, die es nicht lassen konnten, ihre Fahrzeuge knallen und blubbern zu lassen.
Hat die Arbeit der AG Poser etwas bewirkt?
Es ist deutlich leiser geworden in Kassel und es wird weniger gerast. Dieses Feedback haben wir zumindest von Anwohnern und von Kollegen bekommen. Wir haben erlebt, dass Leute aus der Szene ihren selbst gebauten Auspuff abgebaut und das Originalteil wieder angebaut haben. Die haben keine Lust, dass wir sie erwischen und sie dann vier Wochen zu Fuß laufen müssen. Kürzlich hat ein Autofan zu uns gesagt: ‘Seitdem ihr hier seid, macht es keinen Spaß mehr. Ich fahre nur noch mit meinem normalen Auto.’
Die Akzeptanz ist also gewachsen?
Ja. Viele aus der Szene kommen mittlerweile auch auf uns zu und fragen, was sie an ihrem Auto verändern dürfen. Solch positive Rückmeldungen hatte ich noch nie zuvor in meinem Berufsleben bei der Polizei.
Sie haben 774 Fahrzeuge kontrolliert. Welche Rolle spielte dabei Alkohol?
Wir haben eine Trunkenheitsfahrt gehabt, da hatte der Fahrer 0,5 Promille intus. Tuner und Poser trinken keinen Alkohol, wenn sie fahren. Und sie nehmen auch keine Drogen. Die lieben ihre Autos. (Ulrike Pflüger-Scherb)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.