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Neuer Oberbürgermeister Sven Schoeller im Interview: „Kassel ist das, was uns verbindet“

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Von: Matthias Lohr, Andreas Hermann, Florian Hagemann

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Kassels neuer Oberbürgermeister, der Grünen-Politiker Sven Schoeller im HNA-Interview.
Wusste, dass der Wahlkampf gegen ein Nein schwierig wird: Grünen-Politiker Sven Schoeller im HNA-Interview. © Malmus, Pia

Sein Vorsprung ist nur hauchdünn, aber letztlich hat es gereicht: Sven Schoeller wird Nachfolger von Christian Geselle als Kassels Oberbürgermeister. Hier erzählt er, was er als erstes vorhat.

Kassel – Nach seinem Wahlsieg und einer langen Party in der Caricatura erlebte Sven Schoeller eine kurze Nacht. Einen Tag nach seinem knappen Triumph bei der Kasseler OB-Wahl gab der Grünen-Politiker Interviews, hielt eine Rede bei der Klausurtagung der Landespartei und musste dann noch in die Stadtverordnetenversammlung. Trotzdem wirkte der 50-Jährige im HNA-Interview nicht müde.

Herr Schoeller, wie haben Sie den Wahlabend erlebt – ab 18.10 Uhr, als die ersten Balken zunächst mehr Nein-Stimmen anzeigten?

Wir sind das aus einer grünen Perspektive ja gewohnt, dass als Erstes die Stadtgebiete eingehen, die für uns schwieriger sind. Insofern war das keine Überraschung. Aber es war natürlich spannend, weil es lange dauerte, bis ich dann über die 50-Prozent-Marke kam. Eine gewisse Anspannung war da schon vorhanden.

Haben Sie mal gezweifelt am Wahlsieg?

Ich wusste von vornherein, dass dieser Wahlkampf gegen ein Nein eine schwierige Konstellation ist. Es ist aus der Wählerinnen- und Wählerperspektive eine andere Situation als normalerweise. So ein Nein ist relativ schnell angekreuzt, wenn man keine Alternative benennen muss. Insofern bin ich nicht in den Wahlgang gegangen mit der Gewissheit, dass es funktionieren würde – aber mit Zuversicht.

Sie haben nur in zehn von 23 Stadtteilen die Mehrheit geholt. In Forstfeld und Waldau haben fast drei Viertel gegen Sie gestimmt. Warum sind Sie auf so viel Ablehnung gestoßen?

Man muss schauen, wie hoch die Wahlbeteiligung in diesen Stadtbezirken gewesen ist. In den erwähnten Bezirken gab es eben auch eine sehr geringe Wahlbeteiligung. Das sind aber die Stadtbezirke, in denen die Grünen noch Verbesserungspotenzial haben. Das zeigt auf, was die Aufgabe für mich als Grünen-OB ist: dass ich gerade auf die Menschen in diesen Stadtbezirken zugehe, dass ich dorthin gehe, wo Skepsis gegenüber den Grünen besteht und sich die Menschen die Frage stellen, ob sie noch mit dem Auto in die Stadt fahren dürfen. Ich denke, da wird die Zeit unter einem Oberbürgermeister Schoeller zeigen, dass man mit einem Grünen an der Rathausspitze leben kann und dass der Verkehr in einer Großstadt auch mit einem grünen OB für alle Verkehrsarten funktionieren wird.

Haben Sie schon eine Idee, wie Sie auf die Menschen zugehen wollen?

Es ist wichtig, dass ich viel mit den Menschen kommuniziere. Ich kann mir gut vorstellen, eine Bürgerinnen- und Bürgersprechstunde einzurichten. Ich habe das im Wahlkampf als sehr positiv erfahren, mit vielen Menschen zu reden, auf sie zuzugehen – und sie bei ihren Sorgen abzuholen.

Trotzdem ist das Nein ja relativ massiv. Sie haben gesagt, Sie wollen die Stadt einen. Wie soll das unter diesen Voraussetzungen gelingen – fernab einer Bürgersprechstunde?

Es wird wichtig sein, dass wir als Stadt wieder zusammenfinden. Ich würde auch nicht sagen, dass die Spaltung ein Problem ist, das speziell mit meiner Person verbunden ist. Wir haben diese Spaltung schon seit Jahren; sie ist mehrdimensional – und mitunter durchzieht sie sich durch ein- und dieselbe Partei. So etwas kann man nur überwinden, indem man die Sorgen und Ängste abbaut und mit den Menschen redet – gerade auch mit denen, die sich schwerertun, Dinge im Leben umzustellen, etwa in Sachen Klimaschutz.

Wie kann man die Menschen mitnehmen – etwa beim Thema Radbügel?

Die Menschen wollen Lösungen, und das ist auch ihr Anspruch an die Politik. Sie wollen keine Ideologien verwirklicht sehen, sondern sie wollen ein pragmatisches Vorgehen. Konkret auf die Fahrradbügel gemünzt: Es gibt Standorte, die sehr sinnvoll sind. Und es gibt Standorte, da kann ich nicht verstehen, dass man da Fahrradbügel hinstellt. Dort, wo sie niemand nutzt, sollte man sie nicht hinstellen. Aber dort, wo sie genutzt werden, ist es auch in Ordnung, wenn ein Parkplatz dafür verschwindet. Hinzu kommt eine Kommunikation, die stimmen muss. Es kann nicht sein, dass die Menschen aus ihrem Haus gehen, und plötzlich ist der Parkplatz vor ihrer Tür weg. Da müssen wir besser werden. Das kann zum Beispiel durch eine Kassel-App mit stadtteilspezifischen Infos geschehen. Jeder kann sich dann einbringen in die Prozesse, die bestehen.

Bei Ihrem Vorhaben, die Stadt zu einen, werden Sie hier und da auch bei Ihren Grünen anecken, oder?

Absolut. Das geht mit dem Anspruch einher, auf alle Bevölkerungsgruppen zuzugehen – auch diejenigen, die sich nicht zu einer Grünen-Kernklientel zählen. Ich denke aber, dass ich dafür ganz gute Begründungsmechanismen habe. Wir sollten hier zu dem Lebensgefühl finden: Kassel ist das, was uns verbindet.

Wo sehen Sie denn auf politischer Ebene das verbindende Element? Wo sehen Sie Ansprechpartner?

Ich bin offen für Gespräche mit allen demokratischen Parteien.

Aber noch nicht einmal Ihre Koalitionspartner haben sich zu einer Wahlempfehlung für Sie durchgerungen. Was sagt das über die Jamaika-Koalition im Rathaus aus?

Ich habe den Wert von solchen Wahlempfehlungen noch nie so hoch gehängt. Ich glaube, dass die Bürgerinnen und Bürger selbst am besten wissen, wen sie wählen.

Die Amtsübergabe wird am 21. Juli stattfinden. Was werden Sie als Erstes angehen?

Der erste Blick wird sich erst mal nach innen wenden, wobei ich dazu auch schon die Zeit bis dahin nutzen werde. Es geht darum, dass wir eine positive Arbeitsatmosphäre entwickeln und dass wir motiviert die Themen angehen.

Hat sich Herr Geselle bei Ihnen schon gemeldet?

Nach dem zweiten Wahlgang noch nicht. Er hat sich aber nach dem ersten Wahlgang gemeldet.

Also hat er Ihnen noch nicht gratuliert?

Nein.

Überrascht Sie das?

Er wird dies sicher zum gegebenen Zeitpunkt tun.

Irgendwann müssen Sie sich ja zusammensetzen.

Er hat sich ja nach dem ersten Wahlgang gemeldet – und das sicher in der Absicht, dass wir eine vernünftige Amtsübergabe hinbekommen. Auch wenn ich den Zeitpunkt etwas früh fand: Ich nehme ihn da beim Wort.

Nun stehen Veränderungen im hauptamtlichen Magistrat an. Inwieweit haben Sie Einfluss auf die Besetzung?

Welche Personen in den hauptamtlichen Magistrat kommen, entscheiden die Stadtverordneten durch Wahlen. Da wird die Jamaika-Koalition zur gegebenen Zeit Vorschläge machen. Das kann der Oberbürgermeister nicht beeinflussen. Was er beeinflussen kann, ist die Dezernatsverteilung. Ein vernünftiger OB wird das natürlich in Abstimmung mit der Koalition machen.

Aber Sie werden jetzt nicht auch die Kämmerei übernehmen?

Zwei Dinge sind für mich ganz klar. Erstens: Ich werde kein Kämmerer sein, weil ich das für eine ungünstige Konstellation halte – gerade was die innerstädtische Demokratie angeht. Kämmerer und Oberbürgermeister haben gegenseitige Kontrollfunktionen. Da ist es nicht gut, wenn das in einer Hand ist. Im Übrigen ist der Kämmerer immer eher einer, der auf die Bremse tritt. Und der Oberbürgermeister sollte ein Antreiber sein. Das verträgt sich nicht gut miteinander.

Und zweitens?

Außerordentlich ungünstig geregelt ist, dass es einen Dezernenten für Verkehrsplanung und einen für die Verkehrsordnung gibt. Wenn ich mich in die Perspektive eines Straßenverkehrsamtes hineinversetze, das beides zu berücksichtigen hat, halte ich das für ausgesprochen ineffizient. Dafür sollte eine Person zuständig sein und nicht zwei. (Florian Hagemann, Andreas Hermann, Matthias Lohr)

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