Aufmerksamkeit und Reichweite sind entscheidend

Pfiff, Witz und Ideen: Politikwissenschaftler über Wahlkampf in Coronazeiten

Wahlplakate, die vermehrt an den Straßen in Kassel zu sehen sind.
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Wichtiger Faktor: die Wahlplakate, die jetzt schon vermehrt an den Straßen zu sehen sind.

Die Kommunalwahl steht an, am 14. März soll in Hessen gewählt werden. Nur: Wie jetzt Wahlkampf führen, wenn wegen Corona weniger möglich ist? Der Kasseler Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder sagt im Interview, worauf es für Parteien und Kandidaten nun ankommt.

Herr Schroeder, früher gab es ein klares Indiz, wann der Wahlkampf in seine heiße Phase geht: Da reihten sich die Stände von Parteien vor dem Supermarkt auf, und die Kandidaten drückten einem einen Kuli in die Hand. Woran erkenne ich in Zeiten von Corona, dass es in die heiße Phase geht?
Eher im Netz als auf der Straße. Was wir derzeit erleben, ist die Zurückdrängung des klassischen Wahlkampfes in den Bürgerhäusern, an den Haustüren, auf der Straße – also des Wahlkampfes, der durch direkten Kontakt geprägt ist und der für die Kandidaten bedeutet, dass sie durch Reden und durch ihr persönliches Erscheinen für sich und ihre Parteien werben können. Das alles werden wir nun vermutlich nur in einem sehr beschränkten Maße erleben.
Was bedeutet das für die heiße Phase des Wahlkampfes?
Das große Problem wird sein, dass gar nicht genau gesagt werden kann, wann die heiße Phase überhaupt beginnt. Denn einher mit der großen Bedeutung des digitalen Wahlkampfes geht in diesen Zeiten die noch größere Bedeutung der Briefwahl. Die Briefwähler geben mitunter schon drei Wochen vor dem eigentlichen Wahltermin ihre Stimme ab. Und wenn man jetzt als Partei oder Kandidat glaubt, sich in den letzten zehn Tagen vor dem eigentlichen Wahltermin noch einmal mächtig ins Zeug zu legen, dann ist es womöglich schon zu spät. Denn dann hat ein Großteil derer, die am Ende tatsächlich wählen, seine Stimme vielleicht schon abgegeben.
Sie haben den digitalen Wahlkampf angesprochen. Werden wir den ersten reinen Wahlkampf in dieser Form erleben?
Nein, es gibt durchaus Dinge aus dem klassischen Wahlkampf, die fortbestehen. Zum Beispiel die Plakate, die Werbeflächen – also das, was die Leute sehen, wenn sie spazieren gehen und ihre Einkäufe erledigen. Es könnte sein, dass zumindest die Plakatflächen und der damit verbundene Moment von Kommunikation und von Werbung fortwirken, an Bedeutung gewinnen und damit sogar eine Renaissance erleben. Deshalb kommt es hier auf Pfiff, Witz und Ideen an. Langweilige Plakate kann man sich nicht leisten. Die Parteien haben das anscheinend erkannt: Sie haben weitaus mehr Flächen gemietet als in der Vergangenheit, und die entsprechenden Werbeagenturen werden auch viel mehr Aufträge bekommen.
Wie aber funktioniert nun digitaler Wahlkampf?
Der läuft über Social Media, also über Facebook, Twitter, Instagram und die jeweiligen Homepages. Ziel ist es, die eigene Klientel zu mobilisieren und neue Wählergruppen hinzuzugewinnen. Dabei dürfte wohl eine doppelte Strategie die größten Erfolgsaussichten versprechen. Man braucht einerseits pfiffige Botschaften, anregende Bilder, viel Witz und eine gewisse Kommunikationsdynamik – vor allem bei Twitter. Dann sind aber andererseits auch Videos und Internetauftritte notwendig, die durch eine kluge, zielgruppenorientierte Information und Ansprache überzeugen.
Und was fehlt?
Was fehlt, ist das Werben durch die eigene Person, durch Emotionalität und Vertrautheit im persönlichen Kontakt. So kann man sagen: Der digitale Wahlkampf hat durchaus das Potenzial, informativ stärker zu sein und von der Ästhetik und vom Witz her anregender. Zugleich ist er schwächer, weil ihm die emotionalen und vertrauensbildenden Momente der Direktkommunikation fehlen.
Und die Parteien und die Kandidaten wissen nicht richtig, woran sie sind, weil sie weniger Resonanz bekommen?
Das Problem ist tatsächlich, dass man als Wahlkämpfer im Netz kein richtiges Gefühl dafür bekommt, wie die eigenen Liveauftritte aufgenommen werden. Wenn man twittert oder auf Instagram und Facebook postet, bekommt man Likes, Kritiken und – wenn man richtig provoziert – auch einen Shitstorm. Doch wie ist es mit Ansprachen, Diskussionen und Reden im Netz – vielleicht sogar im Livestream? Ich erlebe das auch immer wieder, wenn ich im Netz Vorträge halte. Man hat oft kein richtiges Gefühl, wie die Zuhörer reagieren. Die Debattenkultur, wie wir sie im politischen Raum kennen, lässt sich im Netz nur bedingt abbilden.
Sind denn im digitalen Wahlkampf die Parteien im Vorteil, die ohnehin schon fleißig im Internet unterwegs sind?
Es geht um Aufmerksamkeit und Reichweiten. Wenn ich schon hohe Reichweite habe, weil ich gut vernetzt bin, habe ich eine Art natürlichen Vorteil. Das ist ein Platzhirschvorteil. Dieser Platzhirschvorteil hat eine dynamische Dimension, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Insofern ist die Chancengleichheit im digitalen Wahlkampf nicht gegeben.
Was könnte sich aus diesem digitalen Wahlkampf noch ergeben?
Es kann auch sein, dass Kandidaten durch eine pfiffige Idee oder Provokation alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ohne dass sie vorher bereits in den Tiefen des Netzes verankert waren. Der Rezo-Effekt mit 15 Millionen Zuschauern für ein Video während des EU-Wahlkampfes 2019 folgt dieser Logik. Das zeigt aber zugleich auch die Gefahr der Aufmerksamkeitsökonomie, die Skandalisierung höher gewichtet als nüchterne Fakten und Daten.
Durch Kumulieren und Panaschieren gibt es bei der Kommunalwahl die Möglichkeit, dass einzelne Kandidaten in der Liste ihrer Partei nach vorn gewählt werden. Führt denn ein digitaler Wahlkampf auch dazu, dass die Parteien vermehrt auf die Themen setzen, die jene interessieren, die sich für gewöhnlich im Netz tummeln – sprich: Werden in erster Linie die Jüngeren angesprochen?
Grundsätzlich ja. Allerdings muss man berücksichtigen, dass mit Corona so etwas wie eine nachholende Aneignung der digitalen Kompetenz in Gruppen und Altersstufen stattfindet, die sich bisher kaum oder gar nicht im Netz getummelt haben. Somit könnte man erwarten, dass es im Internet auch für Politik einen größeren Resonanzboden gibt als noch vor einem Jahr.
Der digitale Wahlkampf rückt in den Mittelpunkt. Erleben wir zugleich das Ende des klassischen Wahlkampfes – oder kehrt er nach Corona zurück?
Der klassische Wahlkampf wird nicht aussterben. Er wird gebraucht, um persönliche Kommunikation und Authentizität erleben zu können. Und das ist der Humus, auf dem am ehesten Vertrauen entstehen kann. Der digitale Wahlkampf bietet viele neue Möglichkeiten; er birgt aber zugleich eine ungleich größere Gefahr, sich manipulativ zu inszenieren. Auch wenn der digitale Kampf bedeutender wird, den klassischen Wahlkampf wird er nicht verdrängen. Bei allem müssen wir sehen, dass wir es gegenwärtig mit einem Ausnahmezustand zu tun haben.
Was bedeutet diese Erkenntnis?
Demokratie unter diesen Voraussetzungen zu praktizieren, ist eine große Herausforderung, aber man bekommt das hin. Man könnte ja auch sagen, wir verzichten auf die Wahlen, weil das alles zu gefährlich ist. Aber da haben wir im vergangenen Jahr die Erfahrung gemacht, dass die Wahlergebnisse gar nicht so sehr von dem abweichen, was unter anderen Bedingungen an Voten entsteht. Eine große Verantwortung kommt in diesen Zeiten auch den Medien zu. Sie müssen helfen, das zu kompensieren, was als Lücke durch den Ausfall des klassischen Wahlkampfs entstanden ist. Die Medien müssen noch intensiver darum bemüht sein, die Wahlkämpfer, die Parteien, die Themen und die Stimmungen abzubilden, um den Wähler dabei zu unterstützen, seinen Willen zu bilden. (Florian Hagemann)
Wolfgang Schroeder, Politikprofessor, Uni Kassel

Zur Person

Prof. Dr. Wolfgang Schroeder (60) stammt aus der Eifel. Er studierte Politikwissenschaft in Marburg, Wien, Tübingen und Frankfurt. Es folgten Promotion und Habilitation. Später war er Referent der IG Metall. Von 2009 bis 2014 war Schroeder Staatssekretär im Sozialministerium in Brandenburg. An der Universität Kassel leitet er jetzt das Fachgebiet „Politisches System der BRD – Staatlichkeit im Wandel“.

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