Was läuft falsch bei der KVG?

Schnee-Chaos in Kassel: Langer Ausfall von Bussen und Bahnen – „völlig unverständlich“

Kassels Verkehrsdezernent Dirk Stochla (von links), Oberbürgermeister Christian Geselle und KVG-Vorstandsvorsitzender Michael Maxelon – hier bei einem Pressetermin 2018 anlässlich des Umbaus der Oberen Königsstraße.
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Sie sitzen nicht nur in der Straßenbahn ganz vorn: Kassels Verkehrsdezernent Dirk Stochla (von links), Oberbürgermeister Christian Geselle und KVG-Vorstandsvorsitzender Michael Maxelon – hier bei einem Pressetermin 2018 anlässlich des Umbaus der Oberen Königsstraße.

In keiner anderen deutschen Stadt fielen Busse und Bahnen wegen des Schnee-Chaos so lang aus wie in Kassel. Wie konnte es dazu kommen? Eine Bestandsaufnahme der KVG.

Kassel – Stefan Kortmann denkt in diesen Tagen noch öfter als sonst an Reit im Winkl, wo der CDU-Stadtverordnete regelmäßig Winterurlaub macht, wenn nicht gerade Corona ist. Vor zwei Jahren habe es dort jeden Tag bis zu 80 Zentimeter Neuschnee gegeben. „Und trotzdem ist nicht ein Bus ausgefallen“, sagt Kortmann, der bis Ende 2019 im Vetrieb der Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) gearbeitet hat.

Nun fragt er sich, warum die Busse und Bahnen seiner ehemaligen Firma wegen des Schnee-Chaos fast eine ganze Woche lang nicht fuhren: „Das ist völlig unverständlich.“

Schnee-Chaos in Kassel: KVG hat nicht aus Fehlern gelernt

Für Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) ist die KVG „ein wichtiger Leuchtturm in der Zukunftsstrategie der Stadt“. Nach dem Schnee-Debakel, wie es Kritiker nennen, fragen sich aber immer mehr Kasseler, ob das Verkehrsunternehmen für solche Ausnahmesituationen wie jetzt gut aufgestellt ist. Seit Dienstag fahren die Bahnen in Kassel wieder, auch Busse kommen nach und nach dazu.

Ein ehemaliger Mitarbeiter, der nicht genannt werden will, kritisiert, dass die KVG aus ihren Fehlern vom Winter 2013, als es ähnliche Ausfälle gegeben habe, nicht gelernt habe: „Man hätte die Straßenbahnen am Laufen halten müssen, um Eispanzer auf den Gleisen zu verhindern.“ Dass nicht schon vorige Woche Busse über geräumte Hauptverkehrsstraßen wie die Wilhelmshöher Allee fuhren, sei ein Armutszeugnis. Ein anderer Ex-Mitarbeiter sagt: „Bei der KVG liegt vieles im Argen.“

Kassel: Umstrittene Netzreform bei der KVV

Der Mann, der dafür verantwortlich sein soll, ist Michael Maxelon. Seit 2016 steht der promovierte Physiker und Wirtschaftswissenschaftler an der Spitze der Kasseler Verkehrs- und Versorgungsgesellschaft (KVV), zu der auch die KVG gehört. „Er hat hart durchgegriffen“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter.

Für den gesamten KVV, eine hundertprozentige Tochter der Stadt, und seine knapp 1900 Mitarbeiter kündigte Maxelon vor zwei Jahren an, dass bis 2023 ohne betriebsbedingte Kündigungen 250 Stellen gestrichen werden. Bei der KVG arbeiten derzeit etwa 850 Mitarbeiter, die im vorigen Jahr 48 Millionen Menschen transportierten.

Die umstrittene Netzreform sollte eigentlich für einen Anstieg der Passagierzahlen sorgen. Doch gestrichene Busverbindungen und Haltestellen sowie die Ausdünnung der Linien in weniger zentralen Stadtteilen wie Harleshausen wurden im Nachhinein auch von Oberbürgermeister Geselle kritisiert.

Busse und Bahnen in Kassel: KVG-Chef äußert sich nicht

Wahrscheinlich war auch dies ein Grund, weshalb KVG-Chef Thorsten Ebert Ende 2020 nach elf Jahren an der Spitze gehen musste. Laut Insidern hatte es zu viele Reibungspunkte zwischen dem Sozialdemokraten und dem Grünen-Mitglied gegeben.

Eberts Nachfolger wurde Olaf Hornfeck, der nach wie vor auch die Städtische Werke AG führt, laut Kritikern aber kein ÖPNV-Experte ist. In Sachen KVG trat der promovierte Diplomkaufmann bislang nicht in Erscheinung. Auch zum Krisen-Management während des Schnee-Chaos vorige Woche äußerte er sich nicht, sondern Maxelon.

KVG-Betriebsratsvorsitzender fordert mehr Wertschätzung

Der KVG-Betriebsratsvorsitzende Ralf Salzmann ist trotzdem zufrieden mit seinem neuen Chef, wie er sagt. Die Kritik an den Strukturen und fehlenden Krisenplänen, wie sie nicht nur CDU-Politiker, sondern auch Grüne und Linke äußern, will er nicht kommentieren. Die Vorwürfe gegenüber der KVG und Aufsichtsratschef Geselle kann er „nicht ganz nachvollziehen“. Vielmehr verweist er auf die Kollegen, die nun fast rund um die Uhr schuften: „Wer den ÖPNV fördern will und sein kommunales Unternehmen schätzt, unterstützt es jetzt und redet es nicht noch negativ. Wertschätzung wäre angesagt.“

Von seinem Wohnort Baunatal kam Salzmann übrigens auch vorige Woche ohne Probleme zu seinem Arbeitsplatz in Kassel: Er nahm die roten Busse des Nordhessischen Verkehrsverbunds. Anders als die Fahrzeuge der KVG fuhren die ja. (Matthias Lohr)

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