Interview mit Martin Hein

Leiter des Kasseler Klimaschutzrats: „Es wird gestritten“

Das Bild zeigt Dr. Martin Hein, den Leiter des Klimaschutzrats Kassel
+
Dr. Martin Hein

Anfang des Jahres ist im Kasseler Rathaus erstmals ein Klimaschutzrat eingerichtet worden. Sein Leiter ist Martin Hein, bis vor einem Jahr Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck. Wir haben uns mit Hein über sein Ehrenamt unterhalten.

Sie sind ja als Quereinsteiger im Ruhestand direkt vom Amt des Bischofs, ohne Zeit verstreichen zu lassen, zum Leiter des Klimaschutzrats gekommen. Sicher hatten Sie viele Ehrenämter – auch bequemere – zur Auswahl. Warum der Klimaschutzrat?
Es stimmt tatsächlich: Ich musste aufpassen, anfangs nicht zu viele ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen. Als die offizielle Anfrage kam, den Kasseler Klimaschutzrat zu leiten, haben zwei Überlegungen meine Entscheidung bestimmt. Zum einen: Das Thema „Bewahrung der Schöpfung“ ist auch durch den sogenannten „konziliaren Prozess“ ein ureigenes Anliegen der Kirche. Hier waren wir lange Vorreiter. Zum anderen: Ich lebe seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Kassel. Hier bin ich inzwischen zuhause. Da ist es angebracht, sich für die Lebensbedingungen in der Stadt einzusetzen.
Worin sehen Sie Ihre Aufgabe?
In doppelter Ausrichtung: Einerseits geht es darum, die Arbeit des Klimaschutzrats nach innen hin zu projektieren und zu moderieren. Und andererseits muss die Arbeit nach außen hin dargestellt und vertreten werden.
Und worin sehen Sie Ihre Stärken für das Amt?
Ich war dreißig Jahre lang in unterschiedlichen leitenden Funktionen. Da gewinnt man eine ganze Menge Erfahrung. Meine eigenen Stärken sehe ich darin, zielführend zu leiten. Anders gesagt: Wir arbeiten ergebnisorientiert.
Klimaneutralität bis zum Jahr 2030, das klingt für viele Menschen abstrakt. Wie kann man sich das vereinfacht vorstellen?
Nur durch Umdenken und Änderung unseres Verhaltens werden wir das Ziel, das sich Kassel gesteckt hat, erreichen. Wir wollen den CO2-Ausstoß in unserer Stadt deutlich reduzieren. Mit einer einzigen Maßnahme geht das nicht. Es ist ein ganzes Bündel von Gesichtspunkten in den Blick zu nehmen: etwa die Förderung des öffentlichen Personenverkehrs, der Radwege, der energetischen Erneuerung von Gebäuden und so weiter. Damit beschäftigen sich die einzelnen Themenwerkstätten, also Arbeitsgruppen, in denen ausgewiesene Fachleute mitarbeiten.
Wie wichtig und wie realistisch ist das Ziel, Ihrer Meinung nach?
Der Klimawandel ist eine Tatsache. Und er hat dramatische Folgen. Wir dürfen das Thema nicht mehr auf die lange Bank schieben! Ich halte es für durchaus realistisch, in Kassel bis 2030 Klimaneutralität erreicht zu haben, sofern alle am gleichen Strang und in die gleiche Richtung ziehen.
Wie sieht eine kleine Zwischenbilanz aus? Ist der Klimaschutzrat ein gutes Instrument im Kampf gegen die Klimakatastrophe?
Der Klimaschutzrat ist Ausdruck gesellschaftlicher Beteiligung. Wir beobachten und spüren die globalen Veränderungen und handeln lokal. Und wir sind ja nicht die Einzigen, die das tun. Wir vernetzen uns mit vielen anderen Initiativen. Klimaschutz wird auf Dauer überall allerhöchste Priorität gewinnen –trotz Corona.
Im Klimaschutzrat, der einen Querschnitt der Gesellschaft abbilden soll, sitzen Vertreter von Parteien aber auch von Gesellschaften wie der KVV und ebenso Umweltaktivisten von Fridays for Future oder Kassel kohlefrei, die in der Regel nicht miteinander kuscheln. Wie ist das Klima der Zusammenarbeit?
Es ist, wie man in der Politik sagt, „konstruktiv“ (lacht). Immer, wenn ich dieses Wort höre, weiß ich: Es wird gestritten. Und das ist auch gut so! Bisher verspüre ich aber bei allen unterschiedlichen Interessen viel Bereitschaft zum Zuhören und gemeinsamem Handeln. Die Basis dafür ist, dass ja alle Mitglieder dasselbe Ziel wollen: Kassel soll 2030 klimaneutral sein. Darüber gibt es keinen Streit. Die Diskussionen betreffen das „Wie“, also den Weg und den Zeitraum, dieses Ziel zu erreichen.
Bereits vor dem Start wurde Kritik laut unter anderem angesichts der Zusammensetzung und der nicht-öffentliche Arbeitsweise des Klimaschutzrats. Hat sich die Kritik gelegt?
Wir haben beschlossen, zu den Sitzungen eine begrenzte Anzahl von interessierten Bürgerinnen und Bürgern zuzulassen. Zudem werden alle Protokolle und Maßnahmenvorschläge ins Netz gestellt. Die anfängliche Aufgeregtheit hat sich aus meiner Sicht gelegt.
Viele Vorschläge sind – naturbedingt – nicht immer und für alle Menschen attraktiv, etwa wenn die Parkgebühren erhöht werden sollen, um damit den ÖPNV günstiger zu machen. Ist es auch Ihr Job, für Akzeptanz zu werben?
Wir haben eine eigene „Themenwerkstatt“ mit Fachleuten, die selbst nicht dem Klimaschutzrat angehören, sich aber ausdrücklich mit dieser Frage beschäftigen: Wie kön-nen die Vorschläge, die der Klimaschutzrat macht, in der Öffentlichkeit so kommuni-ziert werden, dass man sie als sinnvoll versteht? Es ist unabdingbar, mit allen Betroffenen offen zu kommunizieren. Das braucht Geduld und Zeit, führt aber hoffentlich zu Ergebnissen, die von vielen geteilt werden.
Hat die Arbeit im Klimaschutzrat Ihr Leben oder Ihre Sicht auf Dinge verändert?
Ich verfolge seither die Diskussionen und Aktivitäten zur Einschränkung des CO2-Ausstoßes viel aufmerksamer –- etwa auf EU-Ebene oder bundespolitisch. Und ich versuche, meinen eigenen Lebensstil noch achtsamer auszurichten. Der Klimawandel braucht den Einstellungswandel.
Sind Sie zuversichtlich?
Als Christ bin ich im Blick auf die Geschicke unserer Welt ohnehin zuversichtlich. Wäre ich das nicht, hätte ich die Leitung des Klimaschutzrats nicht übernommen. Ich bin überzeugt: Das Engagement lohnt sich.

Zur Person: Martin Hein

Prof. Dr. Martin Hein (66) war von 2000 bis 2019 Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Er stammt aus Wuppertal und ist in Hanau aufgewachsen. In Frankfurt, Erlangen und Marburg studierte er Jura und Theologie. Die erste Pfarrstelle trat er 1984 in Grebenstein an. 1989 wurde er Studienleiter am Ev. Predigerseminar in Hofgeismar. Ab 1995 war er Dekan des damaligen Kirchenkreises Kassel-Mitte, bis er in das Bischofsamt gewählt wurde. Im Jahr 2000 legte er seine Habilitation an der Uni Kassel ab. Martin Hein ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er lebt mit seiner Frau in Kassel.

Diese Maßnahmen empfiehlt der Klimaschutzrat

Im März hat die Stadt Kassel nach einem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung einen Klimaschutzrat installiert. Er soll der Stadt dazu verhelfen, das Ziel Klimaneutralität bis zum Jahr 2030 zu erreichen. Klimaneutral heißt, dass alles Handeln ohne negative Auswirkungen auf das Klima sein muss. Aufgabe des Klimaschutzrats ist es, über Maßnahmen zu diskutieren und Empfehlungen zu beschließen.

Der Ablauf sieht vor, dass der Magistrat die Empfehlungen zur Kenntnis nimmt und die Instrumente sowie die Adressaten zur Umsetzung prüft. Es geht darum, welche Maßnahmen mit vorhandenen Ressourcen möglich sind und welche zusätzliche Ressourcen benötigen. Dafür muss die Stavo gegebenenfalls Haushalt und Stellenplan neu beschließen. Eine Beteiligung städtischer Unternehmen muss geprüft werden.

Im Rat vertreten sind „35 relevante Institutionen und Organisationen aus der Kasseler Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft“. Arbeitnehmer sind ebenso darunter wie Jugendvertreter oder Vertreter aus Religion, Kultur und Bildung.

In Themenwerkstätten mit je einem Dutzend an Fachexpertinnen und -experten wird zu Schwerpunkten gearbeitet und selbstständig Klimaschutzmaßnahmen entwickelt. Der Rat soll sich sechs Mal im Jahr treffen. Er hat seit seiner Gründung vier Mal getagt. Heute ist das fünfte Treffen.

Insgesamt hat das Gremium 16 Maßnahmen aus den Bereichen Energieversorgung, Gebäude, Mobilität und Bürgerbeteiligung vorgeschlagen, die der Magistrat „zur Kenntnis genommen hat“. Die Maßnahmen, so Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne), „stellen erste Schritte dar, um das Ziel zu erreichen, dass Kassel bis 2030 klimaneutral sein wird.

Beispielsweise empfiehlt der Klimaschutzrat, zügig flächendeckend die Fernwärme im Stadtgebiet auszubauen und dabei auch eine Anschluss- und Benutzerpflicht in Erwägung zu ziehen. Allein diese Maßnahme könne bis zu 13 Prozent der CO2-Emissionen einsparen, die in Kassel bei der Wärmeproduktion entstehen.

Außerdem spricht sich das Gremium dafür aus, die Parkraumbewirtschaftung im Stadtgebiet zu erweitern und mit den daraus entstehenden Einnahmen den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zu finanzieren.

Zum Thema Energieversorgung sind vom Klimaschutzrat sechs Maßnahmeempfehlungen formuliert worden:

  • Erstellung einer Wärmeleitplanung für die Stadt Kassel.
  • Anschluss nahegelegner Gebäude an das Fernwärmenetz sowie Netzausbau und -verdichtung in den Stadtteilen Waldau Industriegebiet und Mitte.
  • Eine Solarkampagne soll für einen Anschub sorgen für die Einrichtung von Solaranlagen auf Gebäudedächern durch Motivation, Sensibilisierung, Information und gezielte Beratung.
  • Maßgaben zur Installation von Solaranlagen in Verbindung mit dem Denkmalschutz.
  • Vereinfachung bei der steuerlichen Behandlung von Fotovoltaikanlagen.
  • Förderung des Ausbaus der regionalen erneuerbaren Energien (EE) für die Stromversorgung.

Der Magistrat hat den Klimaschutzrat eingesetzt und seine Mitglieder berufen. Zwei Mal im Jahr berichtet er in den Ausschüssen. Am Ende sind es die Stadtverordneten sowie der Magistrat, die die „finalen Umsetzungsmaßnahmen“ beschließen. (Christina Hein)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.