35-Jähriger muss sich wegen Drogenhandel vor dem Landgericht verantworten

250 000 Euro für Kokain

Kassel. Nachdrücklich redet Jürgen Stanoschek dem Angeklagten ins Gewissen. Geduldig rechnet der Strafkammervorsitzende vor, wie sehr sich ein Geständnis für den 35-Jährigen lohnen würde. Doch der Mann auf der Anklagebank bleibt stur: Er will nichts sagen. Will die Drogengeschäfte, derentwegen er sich seit Donnerstag vor dem Kasseler Landgericht verantworten muss, nicht zugeben.

Auf 290 Taten hat Staatsanwalt Urbanek hochgerechnet, was er dem Mann zur Last legt. Mehr als fünf Jahre lang soll der Angeklagte in Kassel mit Kokain gehandelt haben – und zwar nicht als kleiner Dealer, sondern eher als Großhändler.

Fast wöchentlich habe er, zumeist über einen Mittelsmann, einen Kokain-Dealer mit Stoff versorgt. Von mehr als sieben Kilo ist insgesamt die Rede. Umsatz: rund 250 000 Euro. Sein Abnehmer, der die Droge mit Milchzucker gestreckt und in kleinen Dosen weiterverkauft hat, ist dafür vom Amtsgericht zu einer Bewährungsstrafe von knapp zwei Jahren verurteilt worden. Brav bestätigt er nun als Zeuge, was er nach seiner Festnahme bei der Polizei gegen den Angeklagten ausgesagt hat. Erinnern, sagt er, könne er sich aber kaum noch.

„Ich war nie in der Schule.“

ZEUGE IM PROZESS

Er habe ein neues Leben angefangen, wohne in einer anderen Stadt, arbeite als Putzmann. Und mit Zahlen, Mengen und Preisen habe er es ohnehin nicht so: „Ich war nie in der Schule.“

Auch der Angeklagte ist wegen Kokaingeschäften im fraglichen Zeitraum bereits verurteilt worden: Im März 2012 schickte ihn das Amtsgericht für zwei Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Damals hatte er zunächst Berufung eingelegt, sie jedoch zurückgenommen, nachdem die Staatsanwaltschaft alle weiteren Verfahren eingestellt hatte. Dass trotzdem wenig später die jetzt verhandelte Anklage erhoben wurde, hält Verteidiger Werner Momberg für einen Verstoß gegen den Grundsatz des fairen Prozesses. Das Verfahren sei deshalb einzustellen. Und die Strafkammer nimmt das ernst: Mehr als zwei Stunden berät sie über den Antrag des Anwalts, ehe sie zu dem Schluss kommt, dass schon alles seine Ordnung habe.

Die vom Amtsgericht verhängte Haftstrafe hat der Angeklagte mittlerweile vollständig verbüßt; sie müsste auf das Urteil in diesem neuen Verfahren angerechnet werden.

Gleichwohl erwartet ihn bei einem Schuldspruch noch einmal ein längerer Aufenthalt hinter Gittern. Der Mann, der bei den Kokaingeschäften als Mittelsmann fungierte, ist zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Und das auch nur, weil er weitere Dealer angeschwärzt hat. Und weil er die Vorwürfe vollständig eingeräumt hat. Sonst wäre es deutlich teurer geworden für ihn.

Auch daran erinnert Richter Stanoschek, als er den Angeklagten ins Gebet nimmt. Doch seine Worte verhallen. Der Prozess wird fortgesetzt.

Von Joachim F. Tornau

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