Interview: Julia Kiegeland vom Göttinger Institut für Demokratieforschung

EU-Wahl: „Plakaten fehlt die Emotionalität“

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Plakate an jedem Baum: An der Ludwig-Mond-Straße machen die Parteien vor der Europawahl viel Werbung für sich selbst.

Kassel. Am Sonntag wird das Europäische Parlament gewählt. Seit Wochen stehen an Kassels Straßen die Plakate der Parteien. Doch wie ansprechend ist diese Werbung für die Wähler? Wir haben mit Julia Kiegeland vom Göttinger Institut für Demokratieforschung gesprochen.

Fr au Kiegeland, wie gefallen Ihnen die Plakate zur Europawahl? 

Julia Kiegeland: Sie haben mich nicht wirklich überrascht. Die Aussagen auf den Plakaten sind oft sehr allgemein und auch offen formuliert. Zum Beispiel steht auf einem Plakat der CDU: „Damit Europa mehr Chancen bringt“. Was soll mir das als Wähler sagen? Chancen wofür? Das ist zu undurchsichtig. Natürlich machen sich die Parteien mit solchen Botschaften weniger angreifbar, aber wirklich ansprechend ist das nicht.

Wie würde denn ein besseres Plakat aussehen?

Julia Kiegeland

Kiegeland: Das Plakat muss etwas vermitteln. Eine konkrete Aussage ist wichtig, die mich als Wähler zum Nachdenken bringt. Dadurch wird es interessanter. Die Piraten haben das ganz gut gemacht. „Grenzen sind so 80er“ oder „Flughafen, Oper, Bahnhof - Wir fragen Dich vorher“ steht auf ihren Plakaten. Die Werbekampagne bezieht sich damit auf konkrete Punkte aus dem Wahlprogramm. Damit kann der Wähler etwas anfangen.

Wie unterscheiden sich die Plakate zur Bundestagswahl?

Kiegeland: Bei der Europawahl wird natürlich verstärkt mit Aussagen und weniger mit Personen gearbeitet. Das macht Sinn, denn die Politiker des Europäischen Parlaments sind einfach nicht so bekannt bei den Wählern.

Trotzdem zeigen manche Parteien das Konterfei ihrer Kandidaten. Warum?

Kiegeland: Das machen die Parteien dann, wenn sie sich sicher sind, dass die Person bereits Sympathiewerte in der Bevölkerung hat. Zum Beispiel ist Bundeskanzlerin Merkel auf den CDU-Plakaten zu sehen. Das zieht natürlich. Wer nur auf politische Aussagen setzt – wie zum Beispiel die Linke – läuft Gefahr, übersehen zu werden. Denn jedes Plakat sieht dann gleich aus und als Wähler gucke ich irgendwann nicht mehr hin.

Gibt es Plakate, die besonders herausstechen?

Zur Person

Julia Kiegeland (27) wurde unserer Zeitung als Expertin für politische Kommunikation vom Institut für Demokratieforschung der Georg-August-Universität in Götingen vermittelt. Dort arbeitet sie als studentische Hilfskraft. Zudem ist die 27-Jährige Redaktionsmitglied von Indes (Zeitschrift für Politik und Gesellschaft). Kiegeland studiert im Master Politikwissenschaft an der Universität Göttingen. (nit)

Kiegeland: Eher nicht, die Plakate sind bei dieser Wahl sehr einfach gehalten. Ihnen fehlt einfach die Emotionalität. Wirklich polarisierende Aussagen sind kaum zu finden. Die Parteien sind vorsichtig, denn Andersartigkeit verspricht zwar Aufmerksamkeit, aber nicht unbedingt mehr Wählerstimmen. Daraus hat offensichtlich auch die SPD gelernt. 2009 waren ihre Plakate noch sehr viel provokativer als bei dieser Wahl. Auf ihnen stand zum Beispiel der Spruch „Finanzhaie würden FDP wählen“ oder „Heiße Luft würde die Linke wählen“. Das hat die Wähler damals aber nicht wirklich dazu gebracht, ihr Kreuz bei den Sozialdemokraten zu machen.

Haben die Plakate überhaupt einen Einfluss darauf, wem die Wähler ihre Stimme geben? 

Kiegeland: Dass ein Wähler aufgrund eines Plakates sich für eine Partei entscheidet, ist sehr unwahrscheinlich. Bei der Wahlentscheidung spielen viele Faktoren eine Rolle. Die Plakate haben eher eine Weckfunktion. Sie zeigen der Bevölkerung, dass eine Wahl ansteht, welche Parteien antreten und bestenfalls wofür sie stehen.

Von Nina Thöne

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