"Viele machen einen wilden Mann im Auto"

Tempo 30 für Autos in der Stadt: So kann Fußverkehr gefördert werden

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Hier macht das Warten Spaß: An der Altenbaunaer Straße und 24 anderen Ampeln in der Stadt werden während der Mobilitätswoche Quizfragen gestellt.

Bei der Verkehrswende ist vor allem von Radlern die Rede, aber was ist mit Fußgängern? Die Europäische Mobilitätswoche macht das nun zum Thema. Für Autos fordern Experten Tempo 30. 

Bis vor zwei Monaten war es eine Art Hochleistungssport, vor den Baunataler Werkstätten die Kirchbaunaer Straße zu Fuß zu überqueren. Die Ampel dort war so kurz geschaltet, dass es viele Fußgänger nicht rechtzeitig bis auf die andere Straßenseite schafften. Mittlerweile wurde die Grünphase um zehn Sekunden verlängert.

Die Geschichte hat Siegfried Storch von der Verkehrswacht Kassel am Montag 17 alten Menschen in der Tagespflege Westend erzählt, wo er ein Senioren-Training moderierte. „Sicher mobil“ lautete das Motto, was eine Herausforderung ist, wenn man älter wird und auf den Straßen neben dicken Autos und schnellen Radlern nun auch noch E-Bikes und E-Scooter unterwegs sind.

„Unsere Gäste haben Angst, auf die Straße zu gehen“, sagt Tagespflege-Leiterin Andrea Heußner, die in ihrem Haus regelmäßig solche Veranstaltungen anbietet.

Verkehrsexperte: "Es wird immer respektloser"

Auch Verkehrsexperte Storch hat festgestellt, dass „es immer respektloser wird, was draußen passiert. Viele machen einen wilden Mann im Auto.“ Das bekommen vor allem die schwächsten Verkehrsteilnehmer zu spüren. Darum macht die seit Montag laufende Europäische Mobilitätswoche auf die Probleme von Fußgängern aufmerksam.

Zuletzt waren bundesweit mehr als ein Drittel der Verkehrstoten innerorts Fußgänger. In Kassel kamen 2018 zwei Menschen ums Leben, die zu Fuß unterwegs waren. Und oft gibt es Verletzte Fußgänger bei Unfällen.  Erst am Montag hat es auf der Wilhelmshöher-Allee einen schweren Unfall gegeben, bei dem ein Fußgänger von einer Straßenbahn erfasst wurde

Und trotzdem ist bei der Diskussion um die Verkehrswende fast immer nur von Radlern die Rede. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) und andere Rad-Initiativen sind allgegenwärtig. Dass es auch einen „Fachverband Fußverkehr Deutschland“ gibt, wissen dagegen nur Experten. 

Viele Wege können zu Fuß erledigt werden

Dabei ist „zu Fuß gehen die natürlichste Form der Fortbewegung“, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt: „Gerade kürzere Strecken könnten viel öfter auf diese Weise oder mit dem Rad stattfinden.“ Dennoch ist ein Fünftel aller Wege, die mit dem Auto zurückgelegt werden, nicht einmal zwei Kilometer lang.

Um Städte lebenswerter zu machen, fordert das Bundesumweltamt, dass der Anteil des Fußverkehrs bis 2030 um die Hälfte gesteigert werden soll – von derzeit durchschnittlich 27 Prozent in Kernstädten auf 41 Prozent. In Kassel lag der Anteil zuletzt bei 29 Prozent. Laut Verkehrsentwicklungsplan soll er bis 2030 auf diesem Niveau stabilisiert werden.

Um den Fußverkehr zu fördern, schlägt das Bundesumweltamt unter anderem vor:

  • Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit innerorts,
  •  höhere Bußgelder für fußgängerfeindliches Verhalten,
  • die Berücksichtung der Fußläufigkeit bei der Stadtentwicklung („Stadt der kurzen Wege“),
  • längere Grünphasen bei Fußgängerampeln, damit auch langamere Menschen die Straße ohne Probleme überqueren können, sowie
  • geringere Wartezeiten an Ampeln.

In Städten, die für den Autoverkehr geplant wurden, ist es keine Seltenheit, dass Fußgänger auf ihren Wegen bis zu 50 Prozent der Zeit mit Warten an Ampeln verbringen. Darum sieht das Konzept zur Radverkehrsförderung, das die Kasseler Stadtverordneten Ende des Monats beschließen wollen, auch bessere Ampelschalten für Fußgänger vor.

In diesen Tagen kann das Warten bei Rot allerdings Spaß machen. Für die Mobilitätswoche hat die Stadt an 25 Fußgängerampeln Rätsel angebracht. Die Auflösung gibt es jeweils erst auf der anderen Straßenseite. Hoffentlich ist die Grünphase lang genug.

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