Selbst in Hochburg Nordshausen verlor SPD 12 Prozentpunkte

Europawahl: In diesem Kasseler Stadtteil sind die Grünen so stark wie einst die SPD

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Viel Grün, ein schwarzer Klecks und weniger Rot als sonst: Bei der Europawahl hat sich in den Kasseler Stadtteilen einiges getan.

Nach der Landtagswahl sind die Grünen auch bei der Europawahl stärkste Kraft in Kassel. Dagegen erlebte die SPD selbst in ihren Hochburgen einen Erdrutsch. Eine Analyse der Stadtteil-Ergebnisse.

So grün war Kassel noch nie. Mit 30,8 Prozent bei der Europawahl holten die Grünen mehr Stimmen als jemals zuvor. In ihrer Hochburg im Vorderen Westen knackte die einstige Ökopartei zudem erstmals eine Marke, die früher nur für die beiden großen Volksparteien realistisch gewesen wäre: 40,9 Prozent der Wähler stimmten dort für die Grünen.

Das sind mehr als 12 Prozentpunkte mehr als bei der Europawahl 2014. Und selbst bei der hessischen Landtagswahl im vorigen Oktober, die ebenfalls schon ein Triumph war, sammelten die Grünen dort nur 34,7 Prozent ein.

In den benachbarten Stadtteilen Wilhelmshöhe/Wahlershausen (37,0) und Wehlheiden (36,6) distanzierte die Partei um die Spitzenkandidaten Ska Keller und Sven Giegold die Konkurrenz wie der FC Bayern seine Rivalen in der Fußball-Bundesliga. Im Vorderen Westen zum Beispiel sind die SPD (16,3) und CDU (11,1) so sehr geschrumpft, dass sie die Grünen nur noch mit dem Fernglas erkennen können. Wir haben weitere Auffälligkeiten der EU-Wahl in den Kasseler Stadtteilen zusammengetragen.

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SPD

Wie schwach die Sozialdemokraten geworden sind, sieht man selbst dort, wo sie noch ein bisschen stark sind. Ihr bestes Ergebnis fuhr die SPD in Nordshausen mit 28,5 Prozent ein. Das sind mehr als zwölf Prozentpunkte weniger als vor fünf Jahren. Noch schlechter als in der Grünen-Hochburg im Vorderen Westen sind die Genossen unter anderem in der Nordstadt. 14,5 Prozent markieren bei der EU-Wahl das schlechteste Stadtteil-Ergebnis und bedeuten hier wie schon bei der Landtagswahl lediglich den dritten Rang hinter Grünen (27,7) und Linken (16,8).

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CDU

Auch die CDU wurde in der Nordstadt arg gerupft. Mit 8,7 Prozent landete die Union im Studenten- und Arbeiterviertel nur noch knapp vor der AfD (5,6). Ihre Hochburg hat die Merkel-Partei zwar weiterhin am Brasselsberg, mit 28,8 Prozent verwies sie die Grünen (28,4) dort aber nur ganz knapp auf den zweiten Platz. Vor vier Jahren hatte die CDU in dem Stadtteil der Besserverdiener mit 32,3 Prozent noch fast doppelt so viel Wählerstimmen für sich verbuchen können als die Grünen (17,9). Für manche markiert das eine Zeitenwende.

AfD

Bei der Europawahl 2014 gaben in der AfD noch gemäßigte Köpfe wie Bernd Lucke den Ton an. Damals holten die Euro-Skeptiker in Kassel 8,1 Prozent. Bei der Landtagswahl 2018 fuhren die Rechtspopulisten zumindest im Wahlkreis "Kassel Stadt II" ein zweistelliges Ergebnis ein (12,5). Mittlerweile liegen sie mit 7,5 Prozent wieder unter dem Niveau vor fünf Jahren. Die Hochburgen der AfD liegen in Oberzwehren (15,9) und Waldau (14,4) - in zwei Stadtteilen mit einem überdurchschnittlichen Anteil an Russlanddeutschen, bei denen die Rechtspopulisten besonders gut ankommen.

Die Linke

Streng genommen gehört auch die Linke zu den Verlierern. Zwar landete sie stadtweit mit 8 Prozent noch vor der AfD, das ist aber ein Minus von drei Prozentpunkten gegenüber 2014. Der Abwärtstrend ist auch in der Nordstadt unverkennbar, wo die Linkspartei traditionell ihre besten Ergebnisse einfährt. Sowohl bei der EU-Wahl vor fünf Jahren (20,1) als auch bei der Landtagswahl (23,6) schaffte es die Linke über die 20-Prozent-Marke. Nun reichte es dort nur noch zu 16,8 Prozent.   

FDP

Früher machte dieser Witz die Runde: Was heißt eigentlich FDP? Antwort: Fast drei Prozent. In der Nordstadt könnten die Liberalen demnach das F streichen. Dort haben sie genau drei Prozent geholt - das schlechteste Stadtteilergebnis der Partei, deren ehemaliger Vorsitzender Guido Westerwelle einst das Projekt 18 Prozent ausgerufen hatte. Sogar in ihren einstigen Hochburgen Brasselsberg (8,1) und Harleshausen (6,1) ist die FDP von dieser Marke ganz weit entfernt. So wenig gelb war Kassel vielleicht noch nie.

Die Partei und die Sonstigen

Eine Besonderheit bei der Europawahl ist, dass es keine Fünf-Prozent-Hürde gibt. Das versuchen gleich noch mehr Kleinstparteien auszunutzen. Die 36 "kleinsten" Parteien kommen als "Sonstige" zusammen auf 12,4 Prozent, 5,1 Prozentpunkte mehr als 2014.

Der Riese unter den Zwergen ist die Satirepartei "Die Partei". In ganz Kassel kam sie auf 3,6 Prozent. In der Nordtstadt holte die Partei um den ehemaligen "Titanic"-Chefredakteur Martin Sonneborn mit 9,7 Prozent sogar ein Prozentpunkt mehr als die große CDU. In Westertor (8,6) lag sie nur knapp hinter der Union. Klingt wie ein Witz, war aber ausnahmsweise keine Satire.  

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