Musikwissenschaftler Bohlman im Interview

Nationalismus beim Eurovision Song Contest: „Band in Lederhosen wäre Kitsch“

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Weil die Damen keine Lederhosen tragen, rechnet der Musikwissenschaftler Bohlman ihnen größere Siegchancen aus: Die Band Elaiza vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC). Das Trio aus Berlin geht in Kopenhagen mit dem Lied „Is It Right“ ins Rennen.

Kassel. Am Samstag werden wieder Millionen Menschenvor dem Fernseher sitzen: zum Finale des Eurovision Song Contest (ESC). Der amerikanische Musikwissenschaftler Prof. Philip Bohlman, der in diesem Semester Rosenzweig-Gastprofessor an der Uni Kassel ist, beschäftigt sich mit Nationalismus in dem europäischen Liederwettbewerb.

Beim Eurovision Song Contest ist es ein bisschen wie bei Fußball-Länderspielen: Auch wenn viele sich eigentlich gar nicht für Musik oder Fußball interessieren, fiebern auf einmal alle mit ihrem Land.

Prof. Philip Bohlman: Einerseits hat es mit dem Spektakel zu tun. Schon im alten Rom waren alle dabei, wenn Circus war. Zum anderen ist der ESC eine Bühne, auf der man sein Nationalbewusstsein ausleben kann. Gerade für kleinere Länder wie San Marino oder Malta, die sonst kaum eine Rolle in der internationalen Wahrnehmung spielen, ist der Wettbewerb eine Chance, sich zu zeigen. Aber auch große Nationen wie Russland investieren Millionen in den Auftritt, weil sie unbedingt gewinnen wollen.

Die Idee des ESC - damals noch Grand Prix - war ja auch, Völker zu verbinden. Schürt der Wettbewerb stattdessen vielleicht sogar Rivalitäten?

Bohlman: Bei einem Wettbewerb muss es Rivalitäten geben, das ist normal. Es ist aber eine spielerische Rivalität - in der Tat ein wenig wie beim Fußball. Da hasst Deutschland ja auch Spanien nicht, wenn Real Madrid die Bayern aus der Champions League wirft. Beim ESC gibt es im Gegenteil auch viele Sympathien zwischen den Ländern, wie man bei der Punktevergabe sehen kann.

Apropos: Alle Jahre wieder gibt es Unmut, weil sich die Balkanstaaten oder die skandinavischen Länder gegenseitig Punkte zuschachern. Ist der ESC da auch ein Stück weit politisch?

Bohlman: Sicher, aber es ist etwas komplizierter. Die Balkanländer liegen seit Jahrhunderten im Bürgerkrieg, es gibt religiöse Auseinandersetzungen - aber trotzdem geben sie sich gegenseitig Punkte. Die Politik verändert sich, aber alte Verbünde wirken nach. Siehe Österreich: Wenn von Wien aus die Punkte vergeben werden an Ungarn, Kroatien und so weiter, kommt es einem vor, als gebe es die alte Donau-Monarchie noch. Das Phänomen hat auch mit Wanderungsbewegungen zwischen den Ländern tun: Die vielen Kroaten und Serben, die in Österreich leben und arbeiten, stimmen für ihr Heimatland.

Inzwischen singen ja die meisten auf Englisch - welche Rolle spielen die nationalen Identitäten überhaupt noch?

Bohlman: Da muss ich widersprechen, in den letzten Jahren haben viele Teilnehmer in ihren Landessprachen gesungen! Marija Serifovic etwa hat 2007 mit einem Lied auf Serbisch gewonnen. Beobachten kann man allerdings, dass sich die Nationen zunehmend in ihrer kulturellen Vielfältigkeit präsentieren. 1999 hatte Deutschland zum Beispiel mit „Reise nach Jerusalem“ von Sürpriz zum Beispiel ein Lied, in dem auf Deutsch, Türkisch, Englisch, Arabisch und Hebräisch gesungen wurde.

Also ist der Nationalismus beim ESC auf dem Rückzug?

Bohlman: Ich würde eher sagen, es etabliert sich eine neue Art von Nationalismus: Die Länder versuchen, sich als multikulturell und tolerant zu zeigen. Schauen Sie zum Beispiel die Sängerin Loreen, die 2012 für Schweden gewonnen hat: Sie stammt aus Marokko. Bei dem Trio Elaiza, das diesmal für Deutschland antritt, haben die Sängerinnen osteuropäische Wurzeln. Das sind bewusste Bekenntnisse der Länder zur kulturellen Vielfalt.

Erwarten die Zuschauer nicht gewisse Stereotypen? Wäre Deutschland vielleicht gerade erfolgreich, wenn eine Band in Lederhosen auftreten würde?

Bohlman: Das glaube ich nicht. Das würde eher als Kitsch rüberkommen. Es gibt immer wieder Länder, deren Beiträge volksmusikartig sind, dieses Jahr beispielsweise Montenegro. Auch wenn es ein hübsches Lied ist, wird es keine Chance haben, weil es eben zu sehr auf die Musik Montenegros bezogen ist. Kroatien ist voriges Jahr mit traditionellen Trachten und der sogenannten Klapa-Volksmusik angetreten. Aber was soll man in Frankreich damit anfangen? Ein Lied sollte nicht nur ein bestimmtes Land, sondern auch ein Stück Europa zeigen, sodass alle irgendetwas davon verstehen können.

Wie wichtig ist überhaupt noch die Qualität der Musik?

Bohlman: Auf den besten Plätzen landen immer sehr gute Lieder. Selbst die finnische Monsterband „Lordi“ hatte für die Gattung Metal ein sehr gutes Lied, auch wenn es persönlich nicht mein Geschmack war. Die meisten erfolgreichen Lieder funktionieren allerdings nach einer ganz bestimmten Form.

Welche Form ist Erfolg versprechend?

Bohlmann: Die meisten Popsongs - und darum geht es beim Eurovision Song Contest - haben vier Teile: A-A--B-A, sagen wir in der Musikwissenschaft. A ist je eine Strophe und B die Bridge, der Übergang. Man kann bei der Analyse genau sehen: Wenn sie im B-Teil etwas musikalisch sehr Interessantes, Ausgefallenes machen, dann stehen die Chancen für einen Erfolg gut.

Von Katja Rudolph

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