Euthanasie-Ausstellung in Kassel: Hildegard starb „Gnadentod“ der Nazis

Aus Sicht der Nazis war ihre Ermordung ein Gnadenakt: Die an Epilepsie leidende Hildegard Grein aus Kassel wurde nur sieben Jahre alt.

Kassel. Sie galten als lebensunwert: Zwischen 200.000 und 300.000 psychisch kranke und behinderte Menschen wurden zwischen 1939 bis 1945 von den Nazis getötet. Eine am Freitag startende Ausstellung im Amtsgericht widmet sich den Kasseler Opfern. Zu ihnen zählte auch Hildegard Grein.

Ihre Epilepsie wurde für sie zum Todesurteil: Hildegard Grein aus Kassel war sieben Jahre alt, als sie im Jahr 1943 in der hessischen Tötungsanstalt Hadamar (Landkreis Limburg-Weilburg) umgebracht wurde. Die Geschichte des Mädchens steht exemplarisch für 280 weitere Opfer aus dem Raum Kassel, deren Identität das Ausstellungsteam recherchiert hat.

Mehr in der gedruckten Ausgabe

In der gedruckten Freitagsausgabe lesen Sie außerdem: "Technokrat des Tötens - Kasseler organisierte Finanzierung der „Euthanasie“-Morde"

Als Hildegard Grein am 14. Juni 1935 als dritte Tochter von Georg und Johanna Grein zur Welt kam, war die Ausrottung von „lebensunwertem Leben“ bereits angelaufen. Die Zwangssterilisation von Menschen mit vermeintlich erblichen Krankheiten war Gesetz. 400 000 Menschen wurden sterilisiert. Nach Hildegards Geburt traf dies auch ihre Mutter Johanna Grein.

Die Familie wohnte in der Kastenalsgasse (Wesertor), später in der Obersten Gasse. Das jüngste Mädchen beschrieben Ärzte als „klein und schwächlich“ – in einer Heilanstalt wurde bei ihr später zudem „hochgradiger Schwachsinn“ diagnostiziert. Nach zeitgenössischen Aussagen einer Tante litt Hildegard unter epileptischen Anfällen, die auch beim „Spielen auf der Straße“ auftreten würden.

Andacht eröffnet die Ausstellung

Die Ausstellung zur NS-„Euthanasie“ im Foyer des Amtsgerichtes (Frankfurter Str. 9) wird heute, 18 Uhr, mit einer Andacht in der Karlskirche eröffnet. Von Montag, 4. Juni, bis Freitag, 28. September kann sie von 9 bis 17 Uhr besucht werden. Eintritt frei. Konzipiert wurde die Ausstellung vom Lebenshilfe-Werk Waldeck-Frankenberg und dem Museum Korbach unter Mithilfe der Lebenshilfe Kassel (Goethestr. 25), die parallel Vorträge veranstaltet. Erster: 13. Juni, 18 Uhr.

Als Hildegard fünf Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern im Streit. Ein Jahr zuvor hatte Adolf Hitler den sogenannten „Euthanasie“-Erlass unterzeichnet, der die systematische Ermordung von behinderten Kindern – und später auch von Erwachsenen – in Gang setzte. Weil der Vater mit der Erziehung überfordert war, beantragte er im Dezember 1940 die Unterbringung seiner Tochter Hildegard in einer Heilanstalt. Nach einer Zwischenstation im Kasseler Kinderkrankenhaus „Kind von Brabant“ (heutige Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Herkulesstraße) kam sie in die Heilerziehungsanstalt Scheuern nahe Koblenz.

Mehrfach erkundigte sich der inzwischen als Soldat kämpfende Vater in Briefen bei der Anstaltsleitung nach seiner Tochter. Er schrieb von seinem Wunsch, dass seine Tochter unterrichtet werden solle. Der Direktor antwortete, dass es nicht möglich sei, seiner Tochter Lesen und Schreiben beizubringen und weiter: „Bei Hildchen hat sich nichts verändert. Die Kleine ist körperlich ganz wohl und munter.“

Im Februar 1943 erhielt der Vater Post von der Heilanstalt Hadamar, die später als Mordzentrum bekannt wurde. Ihm wurde mitgeteilt, dass seine Tochter dorthin verlegt wurde. Nur drei Wochen später folgte die Nachricht von deren Tod. Als Ursache wurde angegeben: „Tod im epileptischen Anfall“. Als der Vater wissen wollte, warum sich Hildegards Zustand so rapide verschlechtert hatte, erhielt er eine ausweichende Antwort.

Allein in Hadamar wurden 14 500 Menschen in Gaskammern, durch tödliche Injektionen, Überdosen von Medikamenten sowie durch Verhungernlassen ermordet.

Von Bastian Ludwig

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.