Verfahren gegen ehemaligen Finanzvorstand unter Auflage eingestellt

Vertrauter von Mehmet Göker: Ex-MEG-Vorstand muss 20.000 Euro zahlen

Mehmet Göker
+
Ehemaliger MEG-Chef: Mehmet Göker lebt mittlerweile in der Türkei, wo er vor einer Auslieferung nach Deutschland geschützt ist.

Zehn Jahre nach der Insolvenz des Kasseler Versicherungsunternehmens MEG stand ein Ex-Vorstand vor Gericht. Das Verfahren wurde eingestellt. Auch Mehmet Göker wird wohl nicht verurteilt werden.

Kassel – Man kann sich vorstellen, dass Staatsanwalt Eckhard Töppel gern jemand anderen auf der Anklagebank gesehen hätte. Gestern saß dort im Kasseler Amtsgericht ein ehemaliges Vorstandsmitglied des vor zehn Jahren Pleite gegangenen Versicherungskonzerns MEG. Und irgendwann sagte Töppel: „Der große Profiteur sitzt wahrscheinlich in einem Café in Kusadasi am Hafen.“

Er meinte damit den einstigen MEG-Chef Mehmet Göker, gegen den immer noch ein Verfahren wegen Verrats von Geschäftsgeheimnissen läuft. Aber weil Göker schon vor Jahren in die Türkei geflüchtet ist und es kein Auslieferungsabkommen zwischen Deutschland und dem Heimatland seiner Eltern gibt, wird er wohl ungeschoren davonkommen. Sein Fall verjährt im nächsten Jahr.

Dafür war gestern der ehemalige MEG-Finanzvorstand K. angeklagt. Wie bereits Gökers Vertrauter H. musste er sich wegen Verrats von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen verantworten, weil er 2011 und 2012 MEG-Datensätze entwendet und weiter verkauft haben soll. Doch während H. 2018 zu einer 18-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde, kam es nun bereits am ersten Verhandlungstag zu einer Einigung.

Der Vorsitzende Richter Mario Hirdes stellte das Verfahren gegen eine Zahlung von 20 000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung vorläufig ein. Bis es so weit war, boten alle Beteiligten jedoch ein kurzweiliges Schauspiel. Wie die beiden MEG-Dokumentarfilme des Kasseler Regisseurs Klaus Stern hätte das als beste Unterhaltung durchgehen können.

K. hatte den Filmemacher, der unter den Zuschauern war, auf dem Flur begrüßt und gut gelaunt gesagt, er habe gerade erst dessen zweiten Teil bei Netflix gesehen. In der Anklageschrift wurden dann 245 Datensätze aufgezählt, die der heute 49-Jährige entwendet haben soll.

Die beiden Verteidiger von K. erklärten sogleich, dass sich ihr Mandant nicht äußern werde – nicht zu den Vorwürfen und auch nicht zu seinen jetzigen Einkünften, nach denen ein Gericht ein mögliches Strafmaß ansetzt.

Wie hoch das ausfallen könnte, zeigte Richter Hirdes auf: Im Fall eines Geständnisses könnte es eine „spürbare Geldstrafe“ für den Angeklagten geben, der mittlerweile im Immobiliengeschäft tätig ist. Ohne Geständnis könnte es aber auch eine Freiheitsstrafe mit Bewährung werden. Dritte Möglichkeit wäre eine Einstellung des Verfahrens gegen eine fünfstellige Summe.

Für Verteidiger Zafer Bilir aus Stuttgart war das zunächst völlig unrealistisch. Fast zehn Minuten lang erklärte der Jurist, warum er „felsenfest überzeugt“ sei, „dass es einen Freispruch gibt“. Staatsanwalt Töppel wurde es irgendwann zu bunt: „Das nimmt langsam komödiantische Züge an.“

Dabei kam die Pointe erst noch: K., der gestern Geburtstag hatte, einigte sich in einer Pause mit seinen Anwälten dann doch auf die Zahlung der Summe. Trotzdem sagte er später gegenüber der HNA: „Wenn man es ganz genau nimmt, habe ich nichts damit zu tun.“ Sein einstiger Chef hat derweil etwas zu feiern. Bei Instagram postete Mehmet Göker ein Hochzeitsbild von sich und seiner neuen Frau, das in einem türkischen Luxus-Ressort aufgenommen wurde. Archivfoto: Uwe Zucchi/dpa

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.